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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 174)

ausser der Musse bedurfte er auch der Stimmung, und diese blieb aus. 
Es scheint, dass er sich in die kleineren Verhältnisse nicht mehr zu finden 
vermochte. Und als dann der Ruf nach Wien erfolgte, als er wieder in 
einen grossen Wirkungskreis, in einen Mittelpunkt künstlerischen Lebens 
eintrat, als ihm die grossen Aufgaben gestellt wurden, welche er so gross 
gelöst hat: da musste uns von vornherein klar werden, dass nun erst 
recht die Hoffnung auf das Erscheinen des dritten Bandes aufzugeben sei. 
Leider ist diese Voraussicht nicht Lügen gestraft worden. Zwar wurde 
Semper hier nicht der Wissenschaft entfremdet, so unermüdlich er am 
Reisshrette sass, verlernte er doch nicht den Gebrauch der Feder. Während 
er die Detailpläne für die beiden Hofxnuseen, das Project für das Burg- 
theater und den Riesenplan für den Ausbau der Burg entwarf, beschäf- 
tigten ihn fortwährend theoretische Probleme, wie er sich zum Beispiel 
vor einer Reihe von Jahren mit einer Abhandlung über die Akustik trug. 
Unter der Masse von Manuscripten in seinem Nachlasse müssen sich, seinen 
mündlichen Andeutungen zufolge, zahlreiche Vorarbeiten für den dritten 
Band des wStilu, wahrscheinlich manche ausgeführte Partien, vorfinden; 
aber schwerlich ist die Arbeit so weit vorgeschritten, dass sie nur noch 
der ordnenden Hand bedürfte. Und ihn fortsetzen kann kein Anderer. 
Seien wir indessen dankbar für das, was er uns gegeben hat, den 
Anstoss zu einer Bewegung, die uns herausgerissen hat aus der Gleich- 
giltigkeit gegen Form und Farbe der Dinge, welche uns umgeben, unsere 
Sinne wieder empfänglich gemacht für den Reiz und Werth einer mit 
künstlerischem Auge geordneten Häuslichkeit, die Schranke niedergerissen 
zwischen der Kunst und dem täglichen Leben, tausend schöpferische Kräfte 
wachgerufen hat; freuen wir uns, dass wir wenigstens soviel besitzen von 
dem Buche, welches ein wahres Lehrbuch ist und bleiben wird noch 
lange Zeit. 
"Die Geschichten, sagte Semper in seiner zu Zürich gehaltenen Rede 
über Baustile, ndie Geschichte ist das successive Werk Einzelner, die ihre 
Zeit begriffen und den gestaltenden Ausdruck für die Forderungen der 
letzteren fandenm Als eine solche Persönlichkeit, welche das Bedürfniss 
der Zeit erkannte und das befreiende Wort aussprach, steht er selbst vor 
uns da, eine historische Gestalt in der vollen Bedeutung des Ausdruckes. 
Vorlesungen ln llnuul. 
Am 15. Januar: Dr. W. Klein i-Ueber die Venus von Melosl. In der Einleitung 
erzählte der Vortragende die Schicksale einer durch dns ganze Mittelalter bis in die 
Neuzeit hinein aus religiösem Eifer misshandellen der Venus von Melos gleichenden an- 
tiken Statue und verglich sie mit der Verehrung, welche dieser zu Theil wird. Dann 
legte er ausführlich die Geschichte ihres Fundes auf Grund der oiiiciellen Actenstücke 
dar, aus welchen ihm mit Evidenz hervorzugehen schien, dass die Arme, wenngleich 
zerbrochen, mitgefunden wurden, und dass der rechte am Gewand: anlag, der linke einen 
Apfel hielt.
	        

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