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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 9)

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Filigmnbordüre schließt den äußeren Bilderrahmen ab. Das Filigran ist durch Edelsteine 
und Perlen belebt. Der Verfasser weist nach, dass die frühere Anschauung, dies sei der 
Feldaltar Karl's des Kühncn gewesen, unrichtig ist. Wir halten dafür, dass dem Verfasser 
der Beweis gelungen sei, dass dieses Retabulum in Venedig für König Andreas lll. von 
Ungarn am Ende des I3. Jahrhunderts verfertigt worden und wohl nach seinem Tode 
in den Besitz seiner Gemahlin Agnes, Tochter Albrechfa von Oesterreich, gekommen 
sei. Nachdem sie nach Königsfelden, wo Albrechfs Witwe ein Kloster gegründet, sich 
zurückgezogen hatte, hinterließ sie nebst anderen Werthsachen auch dieses Retabel 
diesem Kloster. - Wir nehmen diese Provenienz gerne an,weil im Reliquiensehatz 
Sr. kbnigl. Hoheit des Herzogs von Cumberland ein Plenarium (Buch, dessen Deckel 
mit Reliquien gefüllt ist) sich beündet, welches als schwächerer Ableger dieses Retabels 
erscheint: dieselbe Disposition (zwei Rahmen um ein gemeinsames Centrum, das hier 
ein Kreuzpartikel bildet), die Bildchen auf Pergarnent mit Goldgrund gemalt, dieselbe 
Verwendung der Perlen auf den Bildchen, derselbe Wechsel von Bildchen mit Jaspis- 
blattchen im äußeren Bilderrahmen. Nur fehlt im Braunschweiger Plenar das Filigran, 
das durch ein einfaches gothisches Laub ersetzt ist, die Edelsteine sind viel sparlicher, 
auf den Pergamentblattchen gar nicht angebracht. Diese Vereinfachung der Ausstattung 
kann durch mancherlei Gründe bedingt sein; wir führen nur einen an: die Bestim- 
mung des kleinen Kunstwerkes als Buchdeckel, an welchem das Filigran sicher nicht 
gut anwendbar erschien. Nebstbei sei erwähnt, dass dieser Buchdeckel aus einem Schach- 
brette entstanden ist, und dass daher dieser Wechsel von Jaspis- und Bergkrystall- 
Quadraten im Rahmen sich erklärt; die Darstellungen aber, wie das Materiale (Jaspis) 
sind fast gleich mit dem Aschaifenburger Brettspiel, welches Hefner-Alteneck, Trachten etc. 
abbildet. So dEnet sich eine ziemlich bedeutende Perspective für einen Bestandtheil am 
Berner Retabel. Da das Braunschweiger Plenar datirt ist, 131.9, so dürfte für das 
Berner Reliquiar, welches als Vorbild diente, die Zeitbestimmung unseres Verfassers 
sich als richtig erweisen. Aber wir haben den Eindruck, dass das Buch dieser Besta- 
tigung seiner Angabe nicht bedarf. - XVas das Buch noch weiter enthält, die Ehren- 
rettung der hochedlen Königin Agnes, muss ieden Historiker, besonders in Oesterreich- 
Ungarn, interessiren, kann aber in unserem Blatte eben nur erwähnt werden. Dem sehr 
sorgfaltig gearbeiteten Werke hatten wir ein schöneres Bucliformat, eine reichere Aus- 
stattung gewünscht. Das größere Format hatte wie von selbst darauf geführt, die Ab- 
bildung des Retabels größer und deutlicher zu machen. S0 wie sie ist, dient sie eigent- 
lich nur zur Veranschaulichung der Disposition der Bilder; um irgend ein feineres Detail 
auszunehmen, ist die Abbildung viel zu klein und zu verschwommen. Nnn. 
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Vorbilder-Hefte aus dem kön. Kunstgewerbe-Museum. Herausgegeben von 
J. Lessing. Heft t--4. Rahmen. Text von J. Lessing. Berlin, E. 
Wasmuth. 1888. 4 Hefte in Fol. mit je 12 bis 13 Lichtdrucktafeln. 
M. 40.-. 
Da die Zeit der Masseneinkaufe augenscheinlich vorüber ist, sieht man die 
großen ltunstgewerblichen Museen allmalig zu einer systematischen Nutzbarmachung 
der aufgehauften Schatz: schreiten. Diesem Zwecke dient sowohl die Veröffentlichung 
genauer Specialkataloge von Seiten der Direction des Wiener Museums, als auch die 
vorliegende Publication des Berliner Kunstgewerbe-Museums. Handelt es sich aber der 
Wiener Anstalt zunachst darum, dem Publicum einen möglichst vollständigen Einblick 
in die Bestände ihrer Sammlungen zu verschaffen, etwa wie man durch einen Bücher- 
katalog als Nachschlagebuch die Benutzung einer Bibliothek erleichtert, so sucht das 
Berliner Vorbilderwerk, indem es zwar nur ausgewählte Stücke, aber durchwegs in guten 
Abbildungen zur Schau bringt, unmittelbar den praktischen Bedürfnissen der Kunst- 
gewerbetreibenden gerecht zu werden. Wie dieses Programm durchgeführt werden soll, 
lasst sich aus den vorliegenden vier Heften, in denen eine stattliche Reihe von Rahmen 
aus dem 15. bis I8. Jahrhundert vorgeführt wird, deutlich ersehen. Für die Wahl eines 
Stückes zur Reproduction war lediglich die Frage maßgebend, ob dasselbe dem technisch- 
stilistischen Begriße des Rahmens innerhalb der künstlerischen Geschmacksgrenze ent- 
sprach. Das Material und die technische Ausführung im Einzelnen ist Nebensache, so 
dass neben Holz auch Kupfer und Thon, Leder und Elfenbein Aufnahme fanden. Selbst 
die Zugehbrigkeit in's Eigenthum des Museums erschien nicht als nothwendige Bedin- 
gung für die Zulässigkeit unter die Vorbilder, sobald es sich entsprechend erwies, eine 
Lücke durch Heranziehung von Gegenständen aus Privatbesitz auszufüllen. Während 
somit der praktische Gesichtspunkt augenfallig als der maßgebendste erscheint, zeigt 
sich die wissenschaftliche Absicht des Herausgebers vor Allem in der historischen An-
	        

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