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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 8)

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nehmen noch am obersten Rand reizende Putten schwere Fruchtgehänge 
auf ihre Schultern, um sie auf beiden Seiten niederfallen zu lassen. Dazu 
kommt noch in der Flachnische, in dem inneren Bogen eine flott colorirte 
Landschaft mit weitem Ausblick, ein Schifilein gleitet über den Wasser- 
spiegel hin. Alles athmet frische Naturlust und Lebensgefühl: der funebrale 
Ernst des Grabdenkmales hat da sein heiteres Gegenbild gefunden. Man 
vergleiche nur das in der Composition analoge Monument Marzuppinfs 
von Desiderio da Settignano (in S. Croce) mit diesem Sacristeibrunnen. 
Immerhin war die Majolikakunst an einer für ihren specifischen 
Stil bedenklichen Grenze angelangt, als sie mit ihren glasirten Platten 
förmlich zu bauen anfing. Der Sacristeibrunnen von S. Maria Novella 
hält sich noch scharf innerhalb des richtigen Maßgefübles; an dem Pracht- 
tabernakel in der Via Nazionale zu Florenz (Tabernacolo delle 
Fonticine, gleichfalls von Giovanni 1522) ist diese Grenze schon weit 
überschritten '). Es ist ein pittoresker Majolikabau mit Sculpturen, auf 
die Straße hinaus gestellt. Die Bildnische ist von einem breiten Bogen- 
rahmen eingefasst, in welchem zwischen Fruchtbüscheln volle Büsten 
von Heiligen, scharf und geistreich charakterisirte Köpfe heraustreten. 
Innerhalb der Nische eine perspectivische Scenerie mit heiligen Frauen in} 
den schrägen Seitencoulissen. Der Thron der Madonna steht auf einem 
dreieckig vorgeschobenen Sockel; die Engel oben, welche eine Krone 
halten, sind in den Gewandmotiven manieristisch verwilderte Abkömm- 
linge der Engel Verrocchids. Wir finden hier die Majolikakunst bereits 
im Stadium überwuchernder Virtuosität. 
Eine höchst wunderliche Atelierarbeit (datirt 1511), in welcher die 
Stilversündigung gegen die Grundbedingungen dieser Kunstweise mit einer 
gewissen naiven Entschlossenheit begangen wird, ist ein vollständiges 
Taufbecken aus glasirter Terracotta in der Kirche S. Lionardo zu 
Cer reto-Guidi "). 
Ueber einem bombastisch verzierten Sockel markiren kurzstämmige 
Pilaster mit ornamentirten Schäften und reichen Capitälen die Ecken des 
Taufbeckens und rahmen die Reliefs der sechs Seiten ein; darüber im 
Fries Cherubsköpfe mit Festons und als Rand des Beckens ein massiges 
Kranzgesims. Die Derbheit der Architektonik und der Reliefs, sowie 
die Vergröberung der ganzen Technik mahnen bereits an den Kachel- 
ofenbau der nordischen Renaissance. In den bildlichen Darstellungen aus 
dem Leben Johannes des Täufers (Zacharias und der Engel; dieWochenstnbe 
der heil. Elisabeth; die Namensgebung; der Knabe Johannes in einer 
Waldlandschaft; die Taufe Christi; die Enthauptung des Täufers) kündigt 
sich eine ziemlich handwerksmäßige Nachwirkung ähnlicher Motive von 
Ghirlandajo und Verrocchio an. 
') Siehe die Illustration zum Titelblatt des Werkes von Cavalucci und Molinier. 
") Siehe a. a. 0. die dezaillinen Illustrationen S. 149-161.
	        

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