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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 10)

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des Rococo einherfahre. Ist die Münchener Ausstellung eine Bestätigung 
für diesen Umschwung? Der Eindruck, den wir von derselben empfangen 
haben, sagt: Nein. Und das scheint auch die Ansicht in den leitenden 
Kreisen des Münchener Kunstgewerbes zu sein. 
Allerdings gerade von München aus ist die Ausstellung mit Gegen- 
ständen beschickt, ganzen Gemächern wie einzelnen Arbeiten verschie- 
dener Kunstzweige, welche das Gegentheil zu beweisen scheinen, aber 
eben hier lag ein besonderer Grund vor, gerade diesmal die franzö- 
sischen Stilarten gewissermaßen in den Vordergrund treten zu lassen. 
Der Grund liegt in den Kunstarbeiten, welche der verstorbene König 
Ludwig II. eine Reihe von Jahren hindurch durch das Münchener Ge- 
werbe hat machen lassen. Diese Arbeiten, überaus zahlreich und in ihrer 
Art großartig, waren bisher dem Publicum verborgen und sind nun an 
das Licht getreten und auf dieser Ausstellung erschienen. Eben jene 
Kunstindustriellen aber, welche für den König arbeiteten, haben in der 
gleichen Weise fortgefahren und eine Menge Gegenstände, welche bei 
dern plötzlichen Tode des Königs unvollendet waren, nun fertig gemacht. 
Auch das ist auf der Ausstellung erschienen. Und so ist es gekommen, 
dass gerade in München - und München beherrscht ja an Zahl und 
Ausdehnung die Ausstellung - dass gerade an diesem Ausgangspunkte 
der deutschen Renaissance Louis XIV. und Rococo zu so glänzender - 
äußerlich glänzender Entfaltung gelangt sind. 
Dieser Umstand - eine locale Episode in der modernen Geschichte 
des deutschen Kunstgewerbes - ist wohl zu bedenken, wenn man sich 
eine richtige Anschauung vom Stande der Dinge bilden will. Was 
München sonst gesendet hat, trägt mit Vorliebe noch den bisherigen 
Charakter: die trauten Erkerstuben, die bunten Fenster, die Eisenarbeiten, 
das Kupfergeschirr, der Goldschmuck, die decorativen Stickereien u. s. w., 
alle diese Dinge sind sich nicht untreu geworden. Und ebenso ist es mit 
dem, was von allen Seiten aus deutschen Landen gesendet worden. 
Sehen wir von der Berliner und der Meißener Porzellanfabrik ab, für 
welche es ja nach der Natur und Geschichte ihres Materials keine deutsche 
Renaissance gibt, so ist es immer noch diese Stilart, welche in der Kunst- 
übung als die herrschende gelten muss. Alle Zimmer und Möbel, die von 
Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt, Magdeburg, Hamburg bis 
nach Schleswig und Danzig hin gekommen sind, es ist dem Stile nach 
immer dasselbe. 
Wir betrachten diese Erfahrung als eine wohlthuende, auch für uns 
in Oesterreich, weil mit dem Umschwung zu den französischen Stilarten 
des achtzehnten Jahrhunderts unsere Holzindustrie gefährdet ist und alle 
unsere Anstrengungen, welche wir Jahre lang durch Fachschulen, durch 
Lehrwerkstätten, durch Lehrmaterial für Holzschnitzerei und Kunst- 
tischlerei gemacht haben, illusorisch werden dürften. Wird in Deutsch- 
land consequent an der Renaissance festgehalten werden, so wird auch
	        

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