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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 11)

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finden konnten, musste umgekehrt auf den schalfensbedürfrigen Künstler 
die größte Anziehungskraft ausüben. 
Leider verfügen wir nur über sehr spärliche Quellen betreffend die 
Personen, welche bei der Wilna'er Münze beschäftigt waren, und ebenso 
dürftig sind die wenigen Nachrichten über Mitglieder der dortigen Gold- 
schmiede-lnnung. Außer dem vorgenannten Jacobo aus Verona und den 
Jörge Behm z"), welcher ein Sohn des gleichnamigen Krakauer Gold- 
schmieds sein dürfte, ist der reiche Erasmus Bretner, Goldschmied und 
Bürgermeister von Wilna") zu nennen. 
Dies Alles vorausgesetzt, kehren wir nun zu unserem Kelche zurück, 
an welchem uns nunmehr die zweite Marke, nämlich die Namenspunze, 
interessirt, für deren mögliche Entzifferung wir einige Andeutungen 
machen wollen. 
Vergleicht man den Liniengang des Umfassungsschildes der Namens- 
punze mit den äußeren Umrissen des Wappenschildes am Denar (Fig. n 
b und c), welcher im Jahre 1546 in Wilna unter der Regierung Sigis- 
mund Augusfs geprägt wurde, so ist eine gewisse Aehnlichkeit nicht zu 
verkennen, welcher Umstand deshalb Erwähnung verdient, weil es sehr 
leicht möglich ist, dass der betreffende Goldschmied auch an der Wilna'er 
Münze beschäftigt gewesen sein könnte. 
Bekanntlich verschwindet der berühmte Leipziger Groschengießer 
Hans Reinhart") aus den lnnungsbüchern seit März 1544 und erscheint 
sodann am 13. März 1547, daher nach drei Jahren, wieder in Leipzig, 
um die Meisterschaft zu erringen. 
Wie noch jetzt, so war es namentlich in jener Zeit gang und gebe, 
ja durch die Zunftordnungen bedingte Norhwendigkeit, dass der lnnungs- 
geselle gleichsam zur Vollendung seiner Kunst fremde Länder und Städte 
aufsuchen musste, um sich die Eigenart seines Gewerbes durch vielfache 
Praxis anzueignen. 
Wenn man die Analogie der Umrisse des Wappenschildes des 
Wilna'er Denars mit dem Bindenschild der mehrerwähnten Namenspunze, 
dann die Jahreszahl des Denars sowie auch das Buchstaben-Monogramm 
HR in ihrer Zusammengehörigkeit und schließlich sein hervorragendes 
Talent als Medailleur in Betracht zieht, so gelangt man zu der begrün- 
deten Verrnuthung, dass der um diese Zeit in Leipzig nicht anwesende 
") Seine Arbeit, ein Reliquiar mit zwei wunderschönen in Silber getriebenen Sta- 
luenchen wurde meines Wissens vor einigen Monaten in Wien feilgeboten. ' 
") Dubifiski, nZebranie praw i przywilejow m. Wilnoxvi nadanycho, Wilna 1788, 
p. 79: 1A. 1547. Feria quima anre Dcminicarn Palmarum, Confirmatio Serenissimi Si- 
gismundi Auguszi Teslamenti defuncti Erasmi Bremer, Proconsulis e! auriöcis Vilnensis, 
quo Domum lspidcam suum in Platea Sancri Jnannis jacentem, Hospitali Sancti Spiritus, 
pro tunc ad pruesens vero Sanctissirnee Trinitaris, in perpeluum legavi! et donavil.u.... 
") wKunstgewerbeblßilu, Leipzig 1835, p. 164: uDie Leipziger Goldschmiede Hans 
Reinbart der Aellerc und der Jüngere: von G. Wuslrnann.
	        

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