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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 136)

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Das geistige Bevormuudungssystem war der tieferliegendc Grund, warum 
die Plastik in Oesterreich in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhun- 
dertes zu einer einigermassen erfreulichen Entwicklung nicht gebracht 
wurde und nicht gebracht werden konnte. Die Consequenzen machten sich 
auch der Dynastie gegenüber geltend; das seit langer Zeit in Aussicht 
gestandene Monument für Erzherzog Karl wurde erst in einer Zeit aus- 
geführt, wo das geistige Bevormundungssystem gebrochen war. 
Das Denkmal Schwarzenberg's, des Führers der verbündeten Heere 
im deutschen Befreiungskriege, wurde gleichfalls erst in einer späteren 
Zeit zur Ausführung gebracht. Man liebte es damals nicht, derartige 
Thaten durch ein Denkmal zu beleben, welche die Befreiung der deut- 
schen Nation von der Napoleonischen Gewaltherrschaft herbeigeführt haben. 
Die ganze grosse Periode, von der Zeit an, in welcher Zauner sein Josefs- 
Monument entwarf, bis zur Errichtung des Erzherzog Karl-Monumentes 
auf dem äusseren Burgplatz, war durch nichts gekennzeichnet als durch 
das Monument für Andreas Hofer in der Franziskaner-Kirche in Innsbruck 
und durch das höchst mesquine Denkmal, welches dem General Chasteller, 
einem der Führer im Aufstande der Tiroler im Jahre 1809 in der Kirche 
ai Frari in Venedig gesetzt wurde. Alle anderen Denkmale von einiger 
Bedeutung wurden ausschliesslich Italienern zugewiesen und auch in Ve- 
nedig oder Mailand ausgeführt, wie die Denkmale für Tizian von Canova 
gleichfalls in der Kirche ai Frari und das Denkmal Kaiser Franz des l. 
auf dem inneren Hofburgplatz in Wien. Das von Canova entworfene Mo- 
numenvfür Napoleon den l. wurde im Depöt der Mailänder Akademie, 
in der Brera, sorgfältig versperrt, und kam erst an das Tageslicht, als 
Oesterreich mit Hilfe der Franzosen die Lombardie verloren hatte. Das 
seit langer Zeit projectirte Denkmal des Palatin Erzherzog Josefs wurde 
glücklicherweise so hinausgeschoben, bis es keinen Palatin mehr gab. Das 
Denkmal für Erzherzog Johann wird erst in unseren Tagen ausgeführt, 
und die Denkmäler, welche die Schlachten von Kulm und Nollendorf und 
die Erinnerung an die tapfere Vertheidigung eines Blockhauses bei Pon- 
teba verewigen, kamen der Bildhauerkunst in nur sehr geringem Masse zu 
statten. Kein Denkmal erinnert an die Erhebung des österreichischen Volkes 
im Jahre 1809, die Schlachtfelder von Wagram und Aspern waren damals 
schmucklos geblieben. Die österreichische Geschichtsforschung war durch 
die Censur gehemmt und flüchtete sich nach Deutschland, es schien fast, 
als ob sich Oesterreich vor seiner eigenen Geschichte fürchtete, und so 
ging man der monumentalen Plastik und dem Schaffen von Denkmälern 
systematisch aus dem Wege. Dass unter diesen Umständen, bei der voll- 
ständigen Erlahrnung des öffentlichen Geistes, es an allen natürlichen Ver- 
anlassungen zu plastischer Thätigkeit fehlte, liegt klar vor Aller Augen. 
Von einem autonomen Gemeindeleben war in den damaligen Zeiten keine 
Rede und die Kirche stand damals nicht minder unter der Bevormundung 
des Staates. Der Kirchenbau wurde als ein Nützlichkeitsbau betrieben,
	        

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