MAK

Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 136)

Dass die Anlässe zur Bestellung selbstständiger Bildhauerwerke sich 
in Oesterreich vermehren und dass die Zahl selbstständiger und vorzüg- 
licher Bildhauerwerke sich steigere, das ist dasjenige, worauf ruan alle 
Aufmerksamkeit verwenden muss. Denn die Bildhauerei schrumpft von 
selbst zusammen, wenn die Anlässe zu Kunstwerken sich vermindern, wenn 
den Auftraggebern das Bestimmungsrecht und die Wahl des Künstlers 
verkümmert wird, und wenn insbesondere bei den grossen ölfentlichen Bau- 
ten das architektonische Moment einseitig betont wird und das selbststän- 
dige Bildhauerwerk daselbst nicht zur rechten Geltung kommen kann. 
Diesen Anforderungen zu genügen ist jetzt reicher Anlass bei dem Baue 
des Parlaruentshauses, der Hofmuseen, des Hofburgtheaters und des Stadt- 
hauses. Nicht bald wird wieder ein so günstiger Moment eintreten, die 
ügurale Plastik zur Geltung zu bringen. Ein Kunstzweig wie die Bild- 
hauerei, für welche auch der gebildete Theil des Publicums relativ ein 
geringes Verständniss hat, kann nur gehoben werden, wenn das lnter- 
esse für das Kunstwerk selbst wachgerufen wird. S0 lange es dem 
Publicurn gleichgiltig ist, ob die Statue von dem A oder B gemacht 
wird, so lang werden äussere Massregeln die Bildhauerei nicht heben. 
Das betheiligte Publicum muss der Künstler und das Kunstwerk gleich- 
mässig interessiren. Die äusseren Verhältnisse haben sich wesentlich 
zu Gunsten der Bildhauerei gewendet, an der Akademie der bildenden 
Künste ist die Bildhauerei wieder ein Hauptfach geworden, das nicht in's 
Schlepptau der Malerei oder Architektur genommen wird. Es ist auch 
durch die Wahl des Rectors die Möglichkeit gegeben, dass die Leitung 
der Akademie zeitweilig in die Hände eines Bildhauers kommt; die Profes- 
soren der Akademie haben ihre selbstständigen Ateliers, und es wird nicht 
eih Jahr vergehen, so wird ein wohlorganisirtes Museum von Gypsabgüs- 
sen zum Studium für Künstler und für Kunstfreunde geöffnet sein, wie 
es nirgendwo in Oesterreich besteht. An der Universität werden die hu- 
manistischen Studien und die classische Archäologie und Kunstgeschichte 
im ausgedehnten Masse betrieben, und es wird langsam sozusagen die gei- 
stige Atmosphäre geschaEen, welche zum Gedeihen der Plastik unerlässlich 
ist. Die humanistischen Studien, die vor dem Jahre 184.8 nur dem Namen 
nach gepflegt wurden, bilden gegenwärtig einen integrirenden Theil der 
Universitätsstudien, und es wird hoffentlich auch die jüngere Bildhauergene- 
ration es nicht versäumen, ihren Geist mit Aufnahme der Anschauungen 
des classischen Alterthums zu nähren. Es ist unter der Bildhauergene- 
ration wieder der Ehrgeiz wachgerufen worden, sich als Träger einer 
selbstständigen Kunst zu fühlen, und auch das Publicum beginnt über die 
Bedeutung der Plastik nachzudenken, und wendet sich, wenn auch langsam, 
doch sicher dem Kunstzweige zu, der lange vernachlässigt und gering ge- 
schätzt wurde. Aber alle die äusseren Verhältnisse würden gar nichts 
nützen, wenn die Hauptsache fehlte, das Kunstwerk, für das man sich in. 
teressirt und innerlich erwärmt. Die Gesellschaft, der Staat, der Hof, sie
	        

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