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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIII (1878 / 149)

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lenken. Ich habe aber zu gleicher Zeit die Ueberzeugung gewonnen, dass 
die Schäden in unserem Gewerbeleben nicht allein durch die Schulen be- 
hoben werden können, und dass es thöricht wäre zu glauben, die Schule 
allein könne Alles leisten. Aber gewiss ist es doch, dass von Seite der 
Schule zur Hebung der gewerblichen Technik mehr beigetragen werden 
kann, als dies gegenwärtig der Fall ist. Denn seit der Aufhebung der 
Zünfte und Einführung der Gewerbefreiheit wird es immer dringender, die 
Frage zu erörtern, wie jener Bruchtheil der Bevölkerung zu erziehen sei, 
welcher sich einem Gewerbe widmet, insbesondere wie der junge Hand- 
werker für die gewerbliche Technik genügend herangebildet werden soll, 
mit welcher er sich dereinst seinen Lebensunterhalt verdienen will. In der 
Zeit des Zunftwesens war die Sache einfach. Damals nahm die Volks- 
schule, wo sie existirte, eine ausserordentlich geringe Zeit in Anspruch, 
die Anforderung an eine allgemeine Bildung war auf ein Minimum be- 
schränkt. Der Knabe besuchte nothdürftig einige Classen der Volksschule, 
wurde dort in den Elementen des Lesens, Schreibens und Rechnens, so 
gut es eben die Verhältnisse gestatteten, vertraut gemacht und wo es 
keine Volksschule gab, da wuchs der Knabe ohne jede Bildung auf. ln 
sehr jungen Jahren, oft schon mit dem 8. und 9. Lebensjahre trat der 
Knabe als Lehrling in ein Handwerk ein, und blieb in dieser Stellung so 
lange bis er Geselle, oder wie man sagte freigesprochen wurde, worauf 
er entweder die Wanderung antreten oder sich als Geselle verdingen 
konnte oder je nach den Verhältnissen und den bestehenden Zunftvor- 
schriften als selbständiger Handwerker sein Brot zu erwerben suchte. 
War der Knabe im elterlichen Hause aufgewachsen, im Gewerbe seines 
Vaters, so war das in der Regel der günstigste Fall. Er lernte die tech- 
nischen Handgriffe von Kindesbeinen auf, und blieb in der Regel bei dem 
Gewerbe seines Vaters. Die Versuchungen, über den Stand seines Vaters 
hinauszutreten, waren in den damaligen Zeiten viel geringer als heutigen 
Tags, wo leider die Fälle nicht so selten sind, dass die Kinder sich des 
Handwerks ihres Vaters schämen, oder die Väter aus schlecht verstandenem 
Interesse die eigenen Kinder für etwas Besseres als das Handwerk erziehen 
wollen, glaubend, dass das Handwerk selbst etwas Niedrigeres, social 
Unbedeutenderes sei. Jene Lehrlinge, die nicht Kinder des Hauses waren, 
konnten sich allerdings keiner begünstigten Lage erfreuen, sie hatten einen 
ausserordentlich schwierigen Stand, insbesondere in den Zeiten des Ver- 
falles des Zunftwesens. Sie mussten stillschweigend die Rohheiten der Ge- 
sellen und die Rücksichtslosigkeiten der Meister ertragen, aber sie blieben 
doch ihrer ganzen Bildung nach bei dem ergriffenen Handwerk stehen. 
Wenn demnach der Knabe sich schon rvon frühester Jugend an mit 
seinem Handwerk beschäftigen konnte, so ist es gewiss, dass derselbe im 
Durchschnitt mit seinem 16. oder 17. Jahre sich schon die meisten Fertig- 
keiten anzueignen im Stande war, welche er für sein Handwerk brauchte. 
Die Wanderschaft vollendete seine Bildung, er lernte Städte und Menschen
	        

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