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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 175)

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Zur leichteren Uebersicht des Folgenden wollen wir voraussenden, dass 
die Ausführungen des Vortragenden über die französische Gewerbepolitik 
ausgezeichnet disponirt waren und zwar vom sachlichen Gesichtspunkte 
nach den vier Kategorien der gewerblichen Gesetzgebung, des Ausstel- 
lungswesens, der öffentlichen Kunistpdege und des Erziehungswesens, wäh- 
rend vom zeitlichen Gesichtspunkte die Entwickelungsstadien der fran- 
zösischen Gewcrbepolitik so ziemlich mit den drei politisch socialen Ent- 
wickelungsstadien zusammenfallen, welche zur Constituirung des modernen 
Frankreich geführt haben. s 
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Colberts stolzes System 
seine Mission in Frankreich bereits erfüllt, von seiner Methode schien nur 
mehr der beengende Zwang der Reglements und die Yielregiererei der 
lnspectoren und Zunftmeister übrig geblieben zu sein, und Mißstände aller 
Art machten sich wiederum allerwärts fühlbar. Getragen von der wissen- 
schaftlichen Schule der Encyklopädisten und der neuen staatswirthschaft- 
lichen Schule der Physiokraten sah ein Staatsmann von der Bedeutung 
Turgots das einzige Rettungsmittel gegen die alles gewerbliche Leben 
ertödtende Gebundenheit in einer um so weiter gehenden Bewegungs- 
freiheit. Die vollständige Freigebung der Gewerbe durch Turgot im Jahre 
1776, war eine kühne That, die allerdings ihren Urheber vom Minister- 
posten stürzte, aber, durch die grosse Revolution erneuert und seitdem 
nicht nrieder alterirt, den Franzosen die Führerschaft in der industriellen 
Bewegung des Continentes erobert hat - die bedeutendste That der 
französischen Gewerbepolitik der letzten hundert Jahre. 
Also seit 179i besteht in Frankreich die Gewerbefreiheit, welche bei 
uns erst 1859 durchgeführt wurde. Nun erwäge man die großartige Um- 
wälzung aller gewerblichen Verhältnisse, welche eine solche durchgreifende 
Maßregel im Gefolge haben muss, und erwäge ferner, dass bei uns so 
ziemlich gleichzeitig mit dieser Krise iene andere durch das Großcapital 
über das Kleingewerbe hereinbrach. In Frankreich dagegen machte sich 
diese letzte Gefahr in den Dreißiger Jahren geltend, also 'zu einer Zeit, 
als sich die französischen Industriellen durch vier Jahrzehnte bereits in die 
neue Situation der allgemeinen Concurrenz eingelebt hatten. Man wird 
sich dann über die unleugbaren Schwächezustände unserer gleichzeitig 
von zwei Krisen erschütterten gewerblichen Kreise nicht mehr verwundern. 
Auch in Frankreich hat sich jener gewaltsame Uebergang von der gebun- 
denen zur freien Arbeitsorganisation nicht in aller Glätte vollzogen, und 
auch dort wurden wie bei uns frühzeitig Klagen laut über den Niedergang 
der gewerblichen Production. Aber daselbst hat sich in den leitenden 
Kreisen sehr bald die Einsicht Bahn gebrochen, dass dem nicht mehr 
zünftigen Gewerbe nun in anderer Weise ein vereinigendes geistiges Band, 
eine Anspornung des Wetteifers und Anerkennung verdienstlicher Leistungen 
' geboten werden müsse: schon unter Napoleon fand i798 im Louvre-Hofe 
die erste Industrieausstellung statt, und in ununterbrochener Reihe folgte
	        

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