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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 187)

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Eine der interessantesten Erscheinungen der Wienerl Gewerbe-Aus- 
stellung war, dass, trotzdem die Intentionen nur auf eine niederöster- 
reichische Ausstellung gerichtet waren, dieselbe dennoch als eine vom ge- 
sammtenReiche beschickte angeseheniwerden musste. Es hat sich bei diesem 
Anlasse gezeigt, dass es auf volkswirthschaftlichem und industriellem 
Gebiete weder möglich noch gut ist, die Kronländer von einander zu 
scheiden und als getrennte Productionsgebiete zu behandeln. Die nieder- 
österreichischen Fabrikanten und Industriellen arbeiten gemeinsam mit 
denen der anderen Kronländer; sie haben ihre Fabriken in Böhmen, 
Mähren, Oberösterreich u. s. w., ihre Fabriks-Niederlagen in Wien oder 
Prag, sie arbeiten daher mit dem gesammten materiellen und geistigen 
Capitale der Monarchie. Eine Sonderung nach Kronländern ist, wie die 
Wiener Gewerbe-Ausstellung gezeigt hat, schwer durchführbar geworden. 
Dies ist eine Erkenntnlss von großer Bedeutung. Auch den Ungarn ist es 
trotz großer Bestrebungen nicht gelungen, sich von Oesterreich volks- 
wirthschaftlich zu isoliren; denn die gemeinsamen volkswirthschaftlichen, 
industriellen und geistigen Interessen sind zu mächtig, als dass sie durch 
Schlagworte und bestimmte Grenzen gebannt werden könnten. Was nach 
dieser Richtung hin die Gewerbe-Ausstellung im Prater gezeigt hat, konnte 
man auch bei kleineren Ausstellungen, z. B. in Graz, beobachten. Auch 
in Graz sollte eine rein steiermärkische Landes-Ausstellung stattfinden. 
Um diese überhaupt möglich zu machen, war man aber genöthigt, nicht 
nur ganz Oesterreich, speciell Wien, sondern auch das Ausland zur Be- 
schickung einzuladen, und es zeigte sich überdies, dass eine Unterrichts- 
anstalt wie die Grazer Staats-Gewerbeschule, ihre Wirksamkeit nicht auf 
Steiermark beschränkt, sondern ihre Operationsbasis auf die benachbarten 
Kronländer ausdehnt. Wer kann heutigen Tages bei Großindustriellen wie 
Ph. Haas 81 Söhne, L. Lobmeyr oder lsbary sagen, dass ihre Producte 
specifisch niederösterreichisch sind oder dass dieselben einem bestimmten 
anderen Kronlande angehören? Ihre Leistungen sind die Frucht des großen 
geistigen und materiellen Capitals, über welches diese Großindustriellen 
verfügen und des großen künstlerischen und kaufmännischen Talents, 
das ihnen eigen ist. Sie gehören zu jenen Fabrikanten, welche sich den 
Weltmarkt erobert haben und speciell nur als österreichische Aussteller 
bezeichnet werden müssen. Die Wiener Gewerbe-Ausstellung hat die Er- 
kenntniss gezeitigt, dass die Gemeinsamkeit der industriellen Interessen 
in ganz Oesterreich zum Durchbruch gekommen ist und dass es den ver- 
schiedenen separatistischen und politischen Parteien entgangen ist, wie 
weit diese gemeinsamen volkswirthschaftlichen Interessen in der ganzen 
Monarchie bereits Boden gefasst haben. 
Noch eine andere Erscheinung ist als ein ernster Fortschritt auf 
kunstgewerblichem Gebiete zu bezeichnen, nämlich der Einfluss, welchen 
die Zeichenschule, Staats-Gewerbeschule und Kunstgewerbeschule auf das 
industrielle Leben der Monarchie genommen haben. Die Ausstellung der
	        

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