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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 195)

die natürliche Consequenz der Einigung Italiens, seiner gesicherten cotn- 
merciellen und iinanciellen Lage, der grossen Entwicklung der Eisenbahnen 
und des maritimen Verkehrswesens und des angebornen Talentes, welches 
die Italiener seit jeher in der Kunstindustrie bewiesen haben. Es ist daher 
gar nicht zu wundern, dass die Italiener, speciell Oberitaliener mit 
gehobener Stimmung die erste italienische Ausstellung besuchen. Denn 
sie finden daselbst mehrere Zweige der Industrie, in welchen bisher Italien 
vom Auslande abhängig war, und die sich jetzt schon so weit entwickelt 
haben, dass sie die inländischen Bedürfnisse decken können. Der Schwer- 
punkt der Kunstindustrie lag in der Seidenindustrie, der Keramik, der 
Marmor- und Bronzetechnik. 
Die Seidenindustrie hat ihren alten Ruf bewährt. In den Früh- 
renaissancen ist die Seide dem Gold und Silber gleich hoch geschätzt 
worden. Für die Goldarbeiter und die Seidenweber galten dieselben Re- 
glements. Es haben "sich noch die nstatuta mercatorium auri, argenti et 
serici Mediolani-t vom Jahre 1504 erhalten, die auf der Piazza della Scala 
und Corrobio sono tubae veröffentlicht wurden. Heute ist Mailand ein 
Centrum der Seidenweberei für ganz Europa. Sie ist fast ebenso bedeutend 
als die von Lyon. Die Seidenzucht wirft allein der Landwirthschaft der 
mailändischen Provinz eine reine Jahresrente von I2 Millionen Lire ab. Ihr 
wurde eine specielle Galleria di lavoro della seta gewidmet, die vom ein- 
heimischen Publicum mit der größten Aufmerksamkeit besucht wurde. 
Die große Webeschule in Como beschäftigt sich ausschließlich mit Seiden- 
weberei. In der Ausstellung wurde die Seidenweberei durch ioo Aus- 
steller vertreten, von denen nicht wenige bereits auf den großen Aus- 
stellungen in Paris und Wienausgezeichnet worden waren. 
Mehrere andere Zweige der Kunstindustrie, speciell der Keramik 
(Maiolika), der Bronzetechnik (Neapel, Rorn, Venedig), in Glas (Venedig 
und Murano) und den Spitzen beschränken sich auf mehr oder minder 
gelungene Nachahmungen von alten Mustern, welche sich in den zahl- 
reichen Museen in überreichem Maße befinden. Diese Nachahmungen 
sind das Entzücken der großen Menge von Gebildeten und Halbkennern 
ganz Europas So sehr man auch das Bedürfniss anerkennen muss, 
die alten Vorbilder nachzubilden, so sehr man auch die Geschicklich- 
keit der Geschäftsleute, unter denen z. B. Herr Guggenheim in Ve- 
nedig eine hervorragende Stelle einnimmt, anerkennen muss, so ist eine 
Kunstindustrie, welche von Imitationen lebt, gewiss noch nicht auf der 
Höhe der artistischen Production. Es wird daher noch lange Zeit und 
erst einer Belebung des alten künstlerischen Geistes bedürfen," um die 
italienische Kunstindustrie aus dem Stadium der Imitation auf ein freieres 
künstlerisches Gebiet zu führen, das Gebiet, welches die alten Italiener 
so wundervoll beherrscht haben. Da nun diese Industrien vielfach von 
dem Geschmacke der Auftraggeber abhängen, so zeigen nicht wenig Imi- 
tationen, besonders in der Venetianer Holzbildhauerei und der Mailänder
	        

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