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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 196)

und ausgedehnten Schmuck- und Goldwaarenindustrie, welche im Südwesten 
Deutschlands ihren Hauptsitz aufgeschlagen hat. Diese bisher sehr fabriks- 
mäßig betriebene Industrie hat den Nachtheil, dass sie einerseits an den 
gewöhnlichsten herkömmlichen Geschmack gebunden ist, dem sie folgt, 
ohne ihm zu gebieten, ohne ihn zu leiten. Diese eine Seite verleugnet 
denn die Würtemberger Schmuckindustrie auch heute auf dieser Aus- 
stellung durchaus nicht. Vieles, sehr Vieles ist ausgestellt, was, bereits 
wohlbekannt und oft gesehen, uns ein künstlerisches Interesse in keiner 
Weise abgevxinnt. Anderseits aber bietet solche populäre Arbeit, wenn 
einmal in Blüthe, doch einen wohl vorbereiteten Boden und geübte Kräfte 
für eine höhere Thätigkeit, wenn anders sie von gutem W'illen, besserem 
Verständniss und Unternehmungslust begleitet sind. 
Auch dieses nun erkennt man an den YVürtemberger Goldschmieden 
und hierin liegt das Interesse, welches wir unserseits an ihnen nehmen. 
Der populären Thätigkeit geht eine zweite zur Seite, welche künstlerische 
Leistungen anstrebt und neue Verfahrungsweisen, neue Ornamentationen 
der Goldschmiedekunst wieder zu gewinnen trachtet. Als solche Neuerer 
zeigten sich auf der Ausstellung insbesondere Hermann B auer und Johann 
Kühn, beide im Hauptorte dieser Industrie, in Gmimd. Bauer zeigte 
Einlagen von Gold und Silber in Art der Tauschirarbeiten, wie es scheint, 
auf dem Wege einer Vervielfältigung hergestellt, also ebenfalls für einen 
weiten und populären Absatz berechnet; ferner Schmuckgegenstände mit 
Reliefeinlagen in verschiedenfarbigem Golde, in der Art jener zuerst von 
Tiffany aus New-York auf der Pariser Ausstellung (1878) gebrachten 
Gegenstände, wie sie aus der Nachahmung japanischer Technik hervor- 
gegangen sind; endlich drittens Ketten, Colliers, Gehänge in feiner, durch- 
brochener Arbeit, oxydirt, emaillirt, mit Motiven, die sich am nächsten 
an die farbigen Schmuckarbeiten der Renaissance anschließen. Alle diese 
Arbeits- und Ornamentationsweisen werden auch bereits in Wien geübt 
und wohl früher schon als von den Würtemberger Fabrikanten, aber 
vielleicht nicht immer mit der gleichen Entschlossenheit. Die Tauschir- 
arbeiten kennen wir längst, ich brauche nur an Lustig und seine Spe- 
cialität zu erinnern; jene japanisirenden Gegenstände werden vortrelTlich 
von Bacher gearbeitet, und die dritte Art der Schmuckarbeiten in Re- 
naissancemotiven war auf der Ausstellung des vorigen Jahres in der Prater- 
rotunde durch Markowitsch 81 Scheidt vortrefflich vertreten. 
An diese letzteren Arbeiten möchten wir aber im Interesse unserer 
Industriellen ein Paar Bemerkungen knüpfen. Jene Ketten und Colliers be- 
stehen zumeist aus breiten, Hachen, an einander gehängten Gliedern, die 
für sich zierlich gezeichnet, fein gearbeitet und reich durchbrochen sind. 
Nimmt man solchen Schmuck in die Hand, so findet man nichts daran 
auszusetzen; Kunst wie Arbeit erregen unser Wohlgefallen. Wenn aber 
am bloßen Halse liegend, so erwecken sie das Bedenken, als dürften sie 
mit Spitzen, Ecken und scharfen Kanten sich unangenehm fühlbar machen
	        

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