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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 197)

 
wieder mit mancherlei Bizarrerien oder Seltsamkeiten zur Kenntniss des 
gegenwärtigen englischen Geschmackes im höchsten Grade lehrreich war. 
Was die englische Industrie für Ausstattung und Decoration des Hauses 
an feinster Arbeit schaden kann, das war hier vereinigt: Sammt und Seide, 
Stickereien, Bronzen, lntarsien, Plüsch, Goldstolfe u. s. w. Die Holzintar- 
sien insbesondere waren von denkbar schönster und vollkommenster Arbeit 
und mitunter wunderschön in ihrem goldigen Gesammtton. Aber bizarr 
wieder war die Anwendung, die von ihnen gemacht war, denn man sah 
sie nicht hlos an den verschiedenen Möbeln, sondern die allerfeinste ln- 
tarsie war an Stelle des Marmors getreten und llberzog den Kamin, war 
also ausgesetzt dem Untergange durch ausstrahlende Wärme und Rauch. 
ln gleicher Weise war von Plüsch, dem modernsten Allerweltsmodestotf, 
ein widersinniger Gebrauch gemacht. Wir lassen uns Vorhänge, Por- 
tieren, Decken, Sitzmöbel von diesem reizvollen Stotfe gefallen; wir lassen 
uns plüschartig gewebte Fußteppiche mit ganz unverzierter Fläche ge- 
fallen, aber wenn Plüsch die Lambris bespannt, Gesimse, Rahmen, Thür- 
fassungen, Parapetmauern überzieht, so greift er aus seinem Reich und 
Recht in das der Architektur hinüber. Und dieser Fehler war hier ge- 
macht worden. Zu dem Schönen, was dieser Salon zeigte, gehörte auch 
eine goldblumige Wand, bei welchem Stoffe das Gold tief abgetont war 
und daher nur eine satte, tiefe, überaus reiche und volle Stimmung gab. 
Minder reich nach seiner Bestimmung, aber bei weitem vollkom- 
mener und harmonischer erschien das Speisezimmer: ein rothbunter 
Teppich in indischer Art, an der Wand ein dunkelblumiger gewebter 
Stoff im Stile Louis XIll., darunter Lambris in gedämpftem-(imitirtem) 
Goldleder, der Luster von Messing in gleichem Stile, die Gasflammen um- 
geben von leichtgefärbten, tulpenartigen Glasglocken, die Möbel endlich 
in holländischem Charakter etwa in der Art wie die Entwürfe von Vrede- 
man Vriese mit niedriger Credenz. 
ln dieser Ausstattung, vielleicht die Glasglocken des Lusters aus- 
genommen, liegt gerade nichts Neues. Aber wenn man die Möbel dieses 
Speisezimmers und insbesondere diejenigen des Salons mit denjenigen der 
deutschen Gemächer, wie sie in Stuttgart waren, vergleicht, so zeigt sich 
ein Unterschied, der für den englischen wie für den deutschen Geschmack 
charakteristisch ist. Die deutschen Möbel in ihrem Streben nach Wieder- 
herstellung der deutschen Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts, zeigen 
viel Plastik, viel Schnitzerei, vielgliederige Profile, viel Relief, viel Schatten 
und Licht. Plastische Wirkung steht an der Stelle der malerischen, der 
farbigen. Die englischen Möbel hingegen, auch diejenigen der Speise- 
zimmer, haben wenig Profil, wenig oder keine eigentliche Schnitzerei, viel 
glatte Fläche und in der glatten Fläche farbige Einlagen. Sie sind also 
auf coloristische Wirkung, nicht auf Schatten und Licht berechnet. Und 
diese Einlagen von reizender Holzintarsia folgen, wie man ihnen zu- 
gestehen muss, mit Vorliebe dem Stil der Empire und nehmen antikisirende
	        

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