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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 197)

der Ausdruck Zunft und Zopf gleichbedeutend erscheint,lregt die Frage an, wie denn 
die Zunft in so argen Verruf gerieth, wie so sie eine Zwangsanstalt geworden, wie die 
guten Einrichtungen allmalig verunstaltet, förmliche Systeme der Casuistik für Privilegien- 
Auslegung ausgebildet wurden, wie aber daneben sich wieder treifliche Maßregeln zum 
Schutze der Käufer und der Kunstgeheimnisse finden, kurz ein Zustand sich entwickelt, 
in dem Lebendiges und Abgestorbenes mit gleicher Zähigkeit gehegt, vor Allem aber 
gegen jede Neuerung Verwahrung eingelegt wird. Der Vortragende verschaffte den besten 
Einblick in diese Verhältnisse, indem er den Zustand der Werkstatt vor zco Jahren am 
Lebenslauf: eines Handwerkers von der Lehrzeit bis zur Meisterschaft eingehend schilderte. 
Die glänzenden Seiten und die Schwachen jener Zeit wurden in richtige Beleuchtung ge- 
stellt, und der schließliche Niedergang des Handwerkes und die Entartung seiner Organi- 
sation theilweise auch als Folge der endlosen Kriegswirren in Deutschland erklärt, welche 
Meister und Gehilfen nur zu oft zwangen, das Werkzeug mit den Waden zu vertauschen. 
So wurde also den Zuhörern volles Verstandniss ermöglicht, wie in jenen Tagen Arbeiten 
entstehen konnten, welche uns noch heute durch ihre Solidität und Stylrichtigkeit Achtung 
eintlbßen, und wie andererseits bei dem heutigen Unfrieden und der Unsicherheit in den 
gewerblichen Verhältnissen die wirklichen Arbeiter darnaclt streben, einzelne alte Ein- 
richtungen der Zunft wiederzubeleben, welche den Arbeiter vielleicht in einen engen Kreis 
bannte, innerhalb dieses Kreises aber auch in seiner Thatigkeit und seinen Rechten schützte. 
4- Der sehr beifallig aufgenommene Vortrag war durch die Gegenwart Sr. k. Hoheit des 
Herrn Erzherzogs Rainer ausgezeichnet. 
Der Vortrag, welchen Prof. Dr. Krsnjavi am 22. December über wslavische Haus- 
industrie-i, sowie jener, welchen Director Sitte am 29. December über wdie Geschichte 
der Perspective- hielt, sie werden beide in unserem Organ vollinhaltlich zum Druck ge- 
langen, so dass wir hier auf ein Referat verzichten dürfen. 
Am 5. Janner hielt Prof. Sigm. Exner einen Vortrag, der den Titel trug: -Die 
Physiologie des Fliegens in den bildenden Künstenn-Wie dieser Titel schon 
zeigt, handelt es sich um eine naturwissenschaftliche Analyse der zahlreichen als fliegend 
dargestellten menschlichen Gestalten der Kunstwerke. Zunachst wurde hervorgehoben, dass 
dieselben nicht so dargestellt werden, wie sie erscheinen müssten, wenn sie in der That 
das Vermögen des Fluges besitzen sollten. Es fehlen ihnen hierzu die anatomischen Grund- 
lagen. Aber auch als schwebende Gestalten sind sie nicht ohne Weiteres aufzufassen. 
Sollten sie namlich schweben, so müssten sie schwerelos sein. Wirklich schwerelose Ge- 
stalten wurden sich aber ganz anders im Raume benehmen, wie dieses die Gestalten der 
Kunstwerke thun. Für solche gebe es nämlich kein Oben und kein Unten, überhaupt keine 
Richtung im Raume, die Gewänder derselben, da sie auch schwerelos sein müssen, sollen 
sie die schwerelosen Körper nicht zum Fallen bringen, müssten einen abnormen Falten- 
wurt zeigen, die schwerelosen Haare nach unberechenbaren Richtungen vom Kopfe ab- 
stehen u. s. w. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkte also sind die Principien, nach 
welchen die schwebenden und fliegenden Gestalten der Kunst gebildet sind, nicht zu er- 
mitteln. Es wird weiter gezeigt, dass man es auch nicht, oder doch nur zu einem kleinen 
Theile mit einer conventionellen Darstellungsweise zu thun hat. Der Schlüssel zum Ver- 
standnisse dieser Gestalten wird schließlich in psychologischen Momenten gefunden. Es 
wird gezeigt, dass die Erinnerungsbilder sowohl des Künstlers als des Beschauers das 
wesentlichste Material für alle das Gebiet der Kunst betreffenden Urtheile liefern und dass 
es sich bei Darstellungen immer um das Wachrufen der passenden Erinnerungsbilder und 
ldeen-Associationen handelt. So wirken, wie dies ausführlich an Beispielen erläutert wird, 
in Demienigen, der eine schwebende Figur ansieht, ohne dass er sich dessen bewusst wird, 
die Erinnerungsbilder an hängende, laufende, springende menschliche Gestalten, in sehr 
vielen Fallen auch an schwimmende. Es wird hervorgehoben, dass viele Bewegungen, 
welche wir an den schwebenden Figuren der Kunstwerke zu sehen gewohnt sind, geradezu 
der Mechanik des Schwimmens entnommen sind; die Gestalten sind dabei als ganz oder 
nahezu schwerelos gedacht, sowie es der menschliche Körper wirklich ist, wenn er in 
Wasser eingesenkt wird. Es wird ausführlich darauf hingewiesen, dass die schwebenden 
Gestalten der Kunst uns in der Thnt viel leichter erscheinen, als der menschliche Körper 
wirklich ist, und in einem speciellen Fall, nämlich für eine der liiegenden Putten aus 
Raphaels Galathea, wird auf Grund einer Rechnung gezeigt, dass, wenn deren Stellung 
physikalisch gerechtfertigt sein soll. sie nicht nennenswerth mehr wiegen kann als 2 Gramm. 
Gewisse schwebende Gestalten scheinen sich durch eine aus ihnen entspringende Kraft 
im Raume zu bewegen (Michelangelos Gottvater, der die Gestirne erschalft, aus der 
sixtinischen Capelle). Bei derartigen Darstellungen stützt sich der Künstler auf Erinnerungs- 
bilder, welche von Erscheinungen entnommen sind, die unter den physikalischen Begriß" 
der Trägheit fallen.
	        

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