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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 135)

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seits und starrem Jahrhunderte altem Vorurtheil vollzieht sich da. Und 
wohl lohnt es sich, dieses Schauspiel zu beobachten und daraus Nutzen 
zu ziehen. Dem Ostreich Asiens aber wünschen wir, dass es sich zu einem 
'besonnenen und ruhigen Fortschritte bekehren möge und dabei seine tech- 
nischen Specialitäten conservire. Eine Reaction wäre sonst unvermeidlich 
und die allgemeine Entwickelung der menschlichen Cultur würde arg 
geschädigt. 
Eln französisches Urlhell iiher dle österreichische Kunstindusblu. 
Die Münchener Kunstindustrie-Ausstellung hat eine stärkere Nachwirkung in jenen 
Kreisen der öEentlichen Meinung, die sich mit künstlerischen Angelegenheiten befassen, 
und macht daselbst langer und mehr von sich reden, als man ursprünglich erwarten 
durfte. Namentlich der entschiedene Sieg, den Oesterreich in München auf allen Ge- 
bieten davongetragen, ist eine Thatsache, welche nicht nur den deutschen Rivalen und 
Concurrenten sehr viel zu denken und zu überlegen gibt, sondern auch die lebhafteste 
Aufmerksamkeit des ausserdeutschen Auslandes erregt. ln Deutschland fangt man bereits 
an, sich darüber zu zanken und zu streiten, ob die Ausstellung in München ein Erfolg, 
oder ob sie nicht vielleicht auch eine Niederlage wie in Philadelphia war - für uns in 
Oesterreich aber ist es besonders massgebend, was man in den competenten Kreisen 
Frankreichs über den Fortschritt und die Leistungsfähigkeit sagt, welche die österreichi- 
sche Kunstindustrie in München bewiesen hat. Nachdem bei uns die Wiedergeburt des 
Kunstgewerbes nach dem bewahrten Muster angebahnt worden ist, welches uns das Vor- 
gehen der grossen Staatsmänner und volkswirthschaftlichen Reformatoren Frankreichs ge- 
geben hat, ist man dort auch in erster Reihe befähigt, den eigenen und ursprünglichen 
Werth der Leistungen, zu denen das österreichische Kunstgewerbe gelangt ist, zu beur- 
theilen und zu würdigen. Ein solches Urtheil, das für unsere Industriellen höchst auf- 
munternd und ehrenvoll ist und das wir deshalb auch verötfentlichen, liegt uns in einer 
der ersten künstlerischen Fachzeitschriften Frankreichs, im -L'Artu, vor, der in seinen 
zwei jüngst erschienenen Nummern einen ausführlichen Bericht über die Münchener Aus- 
stellung bringt. 
Zunächst ein Wort über die Quelle. i-IJArt-i ist ein Organ für Künstler, Kunst- 
freunde und Kunstindustrielle, wie wir eines - wenigstens von solcher Reichhaltigkeit 
des Inhalts und solchem Werth der Ausstattung - bisher weder in Deutschland noch in 
Oesterreich besitzen. Es ist dies eben nur bei dem regen und allgemeinen lnteresse, das 
für Kunst und Künstler in Frankreich herrscht, möglich. Während bei uns Kunstzeit- 
schrlften im günstigsten Falle alle Monate ein Heft mit einer für das ganze Jahr be- 
schrankten Zahl von Kunstbeilagen bieten können, erscheint vom wLfArtu allwöchentlich 
eine Lieferung von drei Bogen Royal-Folio mit einer Ueberfülle von Illustrationen im 
Text und je zwei Stichen oder Radirungen als Beilagen, so dass man in jedem Jahrgang 
für den verhaltnissmassig geringen Preis von x20 Francs ein illustrirtes künstlerisches 
Prachtwerk von 156 Bogen oder 624 Folioseiten und ein Album von mehr als hundert 
Kunstblattern beisammen hat. Der Text hat theils wissenschaftlichen Werth, indem er 
kunsthistorische Monographien und Studien enthalt, theils das Interesse einer Revue über 
alle neuen künstlerischen Erscheinungen der ganzen Welt. Was nun das günstige Urtheil 
über die österreichische Kunstindustrie betrißt, so ist es allerdings nicht ohne den Neben- 
zweck, die Oesterreicher auf Kosten der Norddeutschen zu loben und an den letzteren 
dadurch einige politisch-nationale Rancune auszuüben, andererseits ist aber Alles, was der 
Bericht an sachlichen und thatsöchlichen Bemerkungen enthält, so wohl begründet, dass 
wir uns mit Genugthuung auf denselben berufen können, ohne die nebenlaufige Tendenz 
gegen Norddeutschland und Preussen billigen zu müssen. Uebrigens wird auch der Be- 
richt den Leistungen der Süddeutschen, insbesondere der Baiern„ gerecht und tadelt nur 
die specitisch norddeutschen Mängel und Fehler. So heisst es in der Einleitung: wEs ist 
das gewaltsam aus dem Schoss der deutschen Einheit verdrängte Oesterreich, welches in 
München die höchste Stufe in fast allen Zweigen der Kunstindustrie einnimmt; was die 
Kunst insbesondere betritTt und namentlich die Kunst der Malerei, so bildet das bedeu- 
tendste Centrum ohne Zweifel die Schule von München, die einzige, die ein gemeinsames 
Ziel, eine Ueberlieferung und einen wirklichen Genossenschaftsgeist hat, was Alles eine 
Schule bildet, welche die erste ist und die sich weit über Düsseldorf, Dresden und Berlin 
erhebt. Die Ehren dieser Ausstellung gebühren überhaupt dem österreichisch-baierischen 
Stamm, der wohl in anderen Beziehungen die Rolle des Aschenbrödels unter den übrigen
	        

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