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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 135)

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und zum Ruhm der schönsten Industrien in Frankreich geführt hat, und sie sind bestrebt 
und thun ihr Bestes, um ein als mustergillig erkanntes Beispiel nachzuahmen, Und rnit 
verhältnissmässig schwachen Hilfsmitteln, trotz der gmssen Schwierigkeiten, welche aus 
der Verschiedenheit der Sprachen, der Stämme, des Klima und der Naturproducte ent- 
stehen, haben sie die unentbehrliche Grundlage für die Entwicklung einer gesunden, so. 
liden und wahrhaft nationalen Kunstindustrie gewonnenm (vPresseIn) 
Vorlesungen Im Museum. 
Die Reihe der Donnerstags-Vorlesungen dieses Winters wurde am 26. October 
rnit einem Vortrage des Herrn Hofrathes v. Eitelberger über Peter Paul Rubens er- 
öffnet, dessen Jubiläum bekanntlich im nächsten Jahre bevorsteht. Der Vortragende ent- 
warf ein Charakterbild der Persönlichkeit des Rubens, wie er uns aus seinem grossartigen 
künstlerischen Schafen, aus seiner diplomatischen Thatigkeit, aus seiner distinguirten 
Stellung als Hof- und Staatsmann, aus seinem lanzenden Haushalt und glücklichen Fa- 
milienleben, ferner aus seinem Verkehr mit den ervorragendsten Künstlern und Gelehrten 
seiner Zeit entgegentritt. Der Vortragende vermied es absichtlich, den Lebenslauf oder die 
Werke des Meisters im Einzelnen zu schildern, sondern er fasste den ganzen Inhalt dieses 
reichen Künstlerlebens zu einem einheitlichen Bilde zusammen, um den Zuhörern eine 
richtige Vorstellung von der grossen Bedeutung zu geben, die Rubens in seiner Zeit und 
für seine Zeit hatte. Zunächst schilderte Hofrath v. Eitelberger die damaligen Eigenthüm- 
lichkeiten des vlämischen Volksstamms, dessen Licht- und Schattenseiten in den Bildern 
des Rubens ihre Verklärung fanden. Aus dem vorherrschend vlämischen Lncalcharakter 
seiner Darstellungsart erkläre es sich, warum Rubens nicht zu allen Zeiten und nicht in 
allen Kunstschulen die gleiche Anerkennung gefunden, warum besonders die akademischen 
Künstler und Kunstgelehrten ihm dieselbe vorenthielten, bis endlich die congeniale Natur 
Goethe's die richtige Erkenntniss und Werthschätzung und die treffendsten XVorte zur 
Charakterisirung des grossen Malerfürsten fand. In dem kunsthistorischen Streite über 
den Ort, wo Rubens geboren worden ist - ob in Antwerpen, Köln oder Siegen - er- 
klart sich zwar Eitelberger für den letzteren Ort, aber er bezeichnet diese Frage als un- 
wesentlich für die Beurtheilung des Künstlers, der seinem Volksstamm voll und ganz 
angehörte. Mit Recht könne ihn deshalb Antwerpen als den grössten Bürger seiner Zeit 
feiern und er verdiene dies pietätvolle Andenken nicht blos als Künstler, sondern als 
wahrhaft grosser Menschhnd universeller Geist. Auch Wien habe Grund und Berechti- 
gung zur Theilnahme an dieser Feier wegen des Reichthums an hervorragenden Werken 
von Rubens in den Wiener Galerien und Sammlungen. Im Belvedere ist Rubens mit 
seiner Schule durch 33 Bilder nach allen Richtungen hin vollständig vertreten; dazu 
kommen die Bilder von ihm in der Galerie Liechtenstein, wo sich der grösste Cyclus 
von Darstellungen aus der Profangeschichte befindet, den Rubens geschalfen, ferner in 
der Galerie Schönborn und in der Lamberg'schen Akademie-Galerie. Die I-Iofbibliothek 
und die Albertina besitzen eine reiche Sammlung von Kupferstichen aus der durch Ru- 
bens gestifteten Schule und letztere überdies einen Schatz von Handzeichnungen des 
Meisters. 
Das eigentliche Wesen der Künstlerschaft des Rubens erblickt Eitelberger, über- 
einstimmend mit XVaagen, in der Universalität seiner Geistesanlage und Bildung, wie sie 
in gleicher Weise nur noch einem Lionardo, Raphael und Dürer eigen war. Der Vor- 
tragende wies nach, wie schon durch das Familienleben, aus dem Rubens hervorgegangen, 
durch die mütterliche Erziehung, durch den Einfluss der Verwandten und Freunde des 
Hauses der Grund zu dieser universellen künstlerischen und gelehrten Bildung und zur 
harmonischen Charakter-Entwicklung gelegt worden war. Die vornehme Ruhe, der klare 
Verstand, wodurch sich Rubens auszeichnete, seien besonders an seinem Selbstporträt im 
Belvedere zu erkennen, das eher einen Staatsmann als einen Künstler darzustellen scheine. 
Andererseits sei aber auch der durchaus bürgerliche Charakterzug im Wesen Rubens', 
seine unabhängige und selbständige Stellung dem Brüsseler Hofe gegenüber nicht zu 
übersehen. R. v. Eitelberger schilderte hierauf den künstlerischen Entwicklungsgang, 
den Rubens genommen, sein Verhaltniss zur antiken Kunst und zu den grossen Italienern, 
seine antiquarischen Studien und Passionen, seine Vorliebe für das Sammeln werthvoller 
Kunstwerke, seinen intimen Verkehr mit den hervorragendsten Gelehrten jener Zeit und 
seine hervorragende sociale Stellung in Antwerpen. Bei der Besprechung der diploma- 
tischen Thätigkeit, in der sich Rubens besonders durch seine geistige Ueberlegenheit und 
Vorurtheilsfreiheit auszeichnete, wurde eine im gegenwärtigen Momente doppelt interes- 
sante Stelle aus einem Briefe von 1626 vorgelesen, in dem sich Rubens über die Türkei 
dahin geaussert hatte, dass das türkische Reich mit grossen Schritten seinem Verfall ent- 
gegengehe und dass nur noch der rechte Mann fehle, um ihm den letzten Stoss zu geben.
	        

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