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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 182)

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Heiligenbilde und reicht es ihm zum Kusse, und'gibt's irgend ein Jubiläum 
zu feiern, das für Kaiser und Volk von gleich hoher Bedeutung ist, so 
sammeln die Bauern und Kaufleute Geldyum als Andenken ein prächtiges 
Heiligeubild in der Kirche aufzustellen, die Officiercorps der kaiserlichen 
Leib- und Gardekürassiere, der Kosaken- und Hußarenregimenter aber 
bestellen bei Meister Sasikoff in St. Petersburg oder bei Owsjanikotf in 
Moskau ein juwelengeschmücktes Heiligenbild im Werthe von io-2o.ooo 
Rubel, um es dem obersten Kriegsherrn zu verehren. lm Westen lacht 
man am Ende über eine solche alle Schichten der Bevölkerung durch- 
dringende Religiösität und meint, eine brillantene Reitpeitsche oder 
ein silberner Humpen seien passendere Geschenke für einen modernen 
Monarchen. 
Allein in Russland ist man in dieser Beziehung so conservativ, dass 
es Niemandem gelingen würde, den Bildercultus im Volke lächerlich oder 
unpopulär zu machen, ja alle Fremden, welcher Religion oder Nationalität 
dieselben auch angehören mögen, verfallen diesem Bildercultus nach 
kurzem Aufenthalte in Russland willenlos und so vollständig, dass der 
gottloseste Socialdemokrat, der in Russland ein Hötel mit x00 Gast- 
zimmern eröffnen wollte - ganz bestimmt zuerst ioo Heiligenbilder für 
dieselben anschaffen müsste, ehe er an die Einrichtung von Küche und 
Keller denken würde. 
Und im Westen hat man keine Idee davon, wie viele Tausende von 
Menschen sich rnit der Fabrication und dem Verkaufe von Heiligenbildern 
beschäftigen und welche colossalen Geldsummen dadurch verdient und in 
den Verkehr gebracht werden - abgesehen von der großen Menge 
Goldes und Silbers, das alljährlich in kostbaren Votivgemälden angelegt, 
ein unvergängliches und unzerstörbares Capital der Kirchen und Klöster 
repräsentirt. 
Im Westen kennt man sehr gut russischen Kaviar und russische 
Juchten, aber nach russischen Heiligenbildern würde man in Paris und 
London, in Berlin oder Wien vergeblich fragen. 
Die Ursache davon liegt einestheils in dem Mangel an Sinn für 
religiöse Aeußerlichkeiten bei den westlichen Europäern, anderntheils aber 
an der Unwissenheit und dem niederen Bildungsgrad: der russischen 
Heiligenbildet-Fabrikanten. 
Der astrachanische Fischgroßhändler, der jährlich Hunderttausende 
an Kaviar und Hausenblase verdient, würde nie für seine Waare Absatz- 
gebiete im deutsch und französisch redenden Westen aufsuchen, wenn 
nicht der Pariser Wein- und Delicatessenhändler selbst durch seine Agenten 
die gesuchte Waare in Russland ankaufen würde. Ebenso würde ein 
russischer Juchtenlederfabrikant, der kein Wort deutsch versteht und 
der die Bedürfnisse der hochentwickelten ausländischen Galanteriewaaren- 
Fabrication nie mit eigenen Augen wahrgenommen hat, keinen Arschin
	        

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