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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 201)

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Da erhält der Einzelmensch, das lndividuum eine Existenzberechtigung 
und der Bürgerstand, in allen Gewerben tüchtig und durch seinen Fleiß 
wohlhabend geworden; beginnt dem Adel und Clerus ihre bevorzugten 
Stellungen streitig zu machen. Bei ihm, dem Bürgerstande, findet auch 
die Dichtung eine Heimstätte nach der Erniedrigung und Vernachlässi- 
gung, in welche sie nach den schönen Tagen des Minnecultes bei Höfen 
und Adel gesunken war. Man mag die Dichtung der Meistersänger als 
Kunstwerk hoch oder gering anschlagen, sie ist immerhin ein Zeugniss 
für den Gemeinsinn und die geistige Gesundheit des Bürgerthurns in den 
Reichstädten. Allmälig bricht sich die Erkenntniss Bahn, dass der Bauer, 
welcher mit seinem Ptluge in der Erde wühlt, doch auch ein Mensch 
sein dürfte; der religiöse Sinn bäumt sich aus wahrer Frömmigkeit gegen 
ein entehrendes, Gewissen und Forschung knechtendes Joch auf. Neue 
Welttheile werden auf der Erde, neue Weltkörper im Aether entdeckt 
und bisher ungeahnte Einblicke eröffnen sich in das Wesen der Natur 
und deren wunderbare Ordnung bei scheinbarer Gesetzlosigkeit und Zufalls- 
herrschaft. Deutschland nimmt bei diesem Eroberungszuge nach allen 
Gebieten des Lebens einen Ehrenposten in der Heerschaar der Geister 
ein, und die Einführung oder Verbesserung von Cotnpass, Oelmalerei, 
Kupferstich, Demantschliff, Orgel, Feuergewehren, Taschenuhren, Mühl- 
werken und vielen anderen mechanischen Instrumenten, das ist eine statt- 
liche Ehrenkette, mit der sich die deutsche Nation stolz schmücken darf. 
Aber das kostbarste Juwel an diesem Geschmeide ist die Erfindung der 
Buchdruckerkunst; sie bot der Menschheit eine neue, unwiderstehliche 
Waffe gegen Aberglauben und Ungerechtigkeit; mit ihrer Einführung ist 
das Mittelalter als abgeschlossen zu betrachten und eine neue Aera der 
Menschengeschichte beginnt. 
Nach alledem muss jene Stelle in Dr. Linde's epochemachendern 
und, wenn nicht ganz neue Documente aufgefunden werden, die Erfin- 
dungsgeschichte der Buchdruckerkunst wohl abschließendem Werke: "Gu- 
tenberg hat die Buchdruckerkunst gar nicht erfundene, jeden- 
falls einigermaßen überraschend wirken. Und dennoch hat Linde nicht 
ganz Unrecht. Man muss sich nur nicht darauf steifen, unter Buch eine 
Reihe von zusammengehefteten Blättern Papier oder Pergament zu ver- 
stehen, von denen man aus schwarz auf weiß gedruckten Zeilen etwas 
mehr oder minder Gescheidtes ablesen kann. Gedruckt wurde, und 
Bücher, ja gedruckte Bücher, gab es lange vor Gutenberg. 
ln den Trümmern von Niniveh (Kujundschik) fand man {als Ueber- 
reste der königl. assyrischen Bibliothek gegen 10.000 Thontafeln auf- 
geschichtet, welche alle Zweige der alten Literatur vertreten. Mr. Men ant 
hat ein nettes Büchlein über diese Hofbibliothek von Niniveh publicirt, 
wonach die Tafeln gemäß ihrem Inhalte in verschiedene Gruppen geordnet 
waren, Der Inhalt einer Tafel setzte sich auf der nächsten fort; sie waren 
von r bis oft über roo numerirt, diese Serien wurden nach ihrem An-
	        

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