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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 208)

Die Kunst in Russland und die Moskauer Ausstellungü. 
Außerhalb Russlands ist die Geschichte der russischen Kunst sehr 
wenig bekannt. Es ist daher nicht ohne Interesse, hier einen kurzen Ab- 
riss_ derselben zu geben, bevor wir von der großen Kunst- und Industrie- 
Ausstellung zu Moskau sprechen, welche ja einen Ueberblick über den 
Fortschritt von Kunst und Industrie in Russland während des Viertel- 
jahrhunderts (1855-1880) geben sollte, das die Herrschaft des Kaisers 
Alexander II. darstellt. Wenn wir alle Denkmale altrussischer Kunst, be- 
ginnend mit dem X. und endigend mit dem XVII. Jahrhundert, über- 
schauen, so werden wir allenthalben in den Formen wie in der Verzie- 
rung die Spuren einer besonderen Originalität finden, ungeachtet der 
Einflüsse der fremden Meister: der Byzantiner im XI., der Italiener im 
XV. und der Holländer im XVII. Jahrhundert. Bloß im XVIII. Jahrhun- 
dert, nach der Berufung vieler französischer Künstler durch Peter I. und 
Katharina II., und nach der Absendung junger russischer Künstler, der 
Zöglinge der Akademie zu Petersburg nach Frankreich, gehorchte die 
russische Kunst ganz und gar den fremden Einflüssen. Dies dauert bis 
in die Mitte des XIX. Jahrhunderts; nach dem Krimkriege beginnt das 
nationale Gefühl neuerdings in der russischen Gesellschaft zu erwachen 
und gleichzeitig kann man in der Kunst eine realistische Richtung be- 
merken. In der Literatur sieht man viel früher, mit dem Erscheinen des 
Dramaturgen Priboiedoff, der Dichter Puschkin und Lerrnontolf, des 
Fabulisten Kryloff, des Romanschreibers Gogol, eine ähnliche Wendung 
eintreten; auf dem Gebiete der bildenden Kunst vollzieht sich dieselbe 
erst zwanzig bis dreißig Jahre später. 
Als letzter Repräsentant der classischen Richtung in der russi- 
schen Kunst ist Karl Brulloff anzusehen, der Schöpfer des berühmten 
Bildes: Pompejfs letzter Tag (1833). Unter seinen Schülern zeigten 
einige mehr Selbständigkeit, wie z. B. Moller in seinen Werken: der 
Kuss, eine Braut, Russalka (1842). BrullofFs Zeitgenosse, Alexander 
Ivanoff, welcher sein Leben lang in Italien blieb, um ein einziges Bild: 
w-Christi Darstellung vor dem Volkes zu malen und biblische Skizzen zu 
entwerfen, in denen er besonders historische Genauigkeit anstrebte, er fand 
bereits, dass die russische Kunst in eine neue Phase eintreten müsse, aber 
er selbst hatte keine andere Neigung als für biblische Stoffe. 
Man hält allgemein für den Vater der neuen russischen Malerschule 
den Genremaler Venetzianoff. Nachdem dieser in der kaiserlichen 
Eremitage das Bild von Granet gesehen hatte, begann er die Vorwürfe 
für seine Gemälde aus dem Leben der Landleute zu wählen und beson- 
ders sorgfältig die Natur zu studiren: nDas Innere des KapuzinerklüSfßrs 
in Romu (1818). Venetzianoff hatte eine stattliche Schaar von Schülern 
') Uebersetzt aus dem soeben erschienenen Werke: F.-G. Dumas, Annuaire 
illustre des Beaux-Arts, 1882. 
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