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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 208)

Geschichtsmalerei und Geschichtschreibung sollten einander näher 
rücken, ich möchte sagen eine ideale Ehe eingehen, um jene staatliche 
Mission zu erfüllen, welche auf der einen Seite der Geschichtsforschung, 
auf der andern der Geschichtsmalerei zukommt. Sich gegenseitig den 
Rücken kehren, sich gegenseitig ignoriren, ist für jede gleich schädlich. 
Was die Geschichtsforschung ergründen soll und was man von ihr auch 
verlangen muss, das ist die volle Wahrheit, im realen und idealen Sinne 
des Wortes genommen. Was hingegen die künstlerische Seite der Ge- 
schichtsdarstellung leisten soll, das geht aus der Natur jeder Kunst hervor, 
welche sich mit der menschlichen Gestalt und dem bewegenden Element 
der Gestalt, mit der Seele des Menschen beschäftigt. lst auf der einen 
Seite die Wahrheit das Ziel jeder wissenschaftlichen historischen For- 
schung, so ist die Schönheit und geistige Lebendigkeit das Ziel jeder 
künstlerischen Darstellung und auch der Bildhauer ist an diese Gesetze 
gebunden. Wir müssen bei diesem Punkt etwas länger verweilen und uns 
klar machen, was historische Malerei genannt werden kann, und da be- 
gegnen wir der Thatsache, dass in den Kreisen der gebildeten Welt der 
Ausdruck "historische Malereiu in doppeltem Sinne angewendet wird. 
Einmal wird von der historischen Malerei gesprochen, wenn es sich 
darum handelt, ein Gemälde zu bezeichnen, welches einen geschichtlichen 
Vorwurf zum Gegenslande hat, gleichgiltig, ob dieser Vorwurf der alten 
oder der neuen Geschichte angehört, ob er dem alten oder neuen Testa- 
ment entnommen ist, oder 0b er eine volksthümliche Ueberlieferung zur 
Erscheinung bringt. Andererseits verbindet man mit dem Ausdruck Histo- 
rienmalerei jene künstlerische Darstellungsweise, wodurch die mensch- 
liche Gestalt, ich möchte sagen auf ein höheres geistiges Niveau gehoben 
wird, dass diese Ggürliche Darstellung über das Maß des Gewöhnlichen 
und des Alltagslebens hinaustritt. Die künstlerischen Darstellungen, welche 
das vulgäre, gewöhnliche Leben des Menschen schildern, nennt man 
Genremalerei. Jene Darstellungen der figuralen Kunst, ob Malerei oder 
Plastik, welche den Menschen als solchen zum Gegenstande haben und 
ihn schildern in seinen Tugenden, in seinen Leidenschaften, in seiner 
Formenschönheit, in Handlungen, wo höhere Empfindungen zum Aus- 
druck kommen, werden im höheren Sinne Historienmalerei genannt, wenn 
sie auch nicht den lnhalt eines geschichtlichen Vorganges, sondern _wie 
schon gesagt wurde - nur den Menschen als solchen zum Gegenstande 
haben. Dass die religiöse Kunst, dass die Welt der Mythe dasjenige Gebiet 
ist, wo diese Kunst den höchsten künstlerischen Ausdruck Endet, liegt in 
der Natur der Sache. Wenn uns bei den Griechen und auch bei den 
christlichen Völkern in Gemälden, welche die geistigen Heroen des Chri- 
stenthums darstellen, der Mensch als ein Ebenbild Gottes erscheint, als 
ein Theil jener geistigen Kraft, durch welche wir leben und wirken, so ist 
das die echte historische Malerei. Aber um dieses ldeal der Historien- 
malerei durchzuführen und zu verwirklichen, brauchen wir auch Künstler,
	        

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