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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 208)

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welche ihrer großen Aufgabe sich vollbewusst sind; aber leider sind heu- 
itigen Tages nur wenige Künstler sich der großen Mission bewusst, welche 
die historische Malerei zu erfüllen hat. Nicht wenige glauben, wenn sie 
die Menschen in angeblich richtige Zeitcostüme stecken, so sei dies schon 
Historienmalerei, eine Auffassung, welche noch gefördert wird durch den 
Einfluss des Theaters auf unsere moderne künstlerische Production. Es 
gibt nicht wenige historische Bilder, welche in uns die Vorstellung er- 
wecken, es sei das Gemälde nur eine Reproduction einer Theaterscene, 
nicht die künstlerische Lösung eines geistigen Actes auf der Arena der 
Weltgeschichte. 
Bei der Darlegung dieser principiellen Frage müssen wir uns 
' eines Satzes des großen Denkers Aristoteles erinnern, welchen er an 
mehreren Stellen seiner Werke, vor Allem in seiner Poetik ausgespro- 
chen hat, wo er die Poesie mit der Geschichte vergleicht. Er sagt, 
"dass die Poesie viel philosophischer sei als die Geschichte, weil erstere 
mehr ein Allgemeines, letztere mehr Besonderes und Einzelnes behandle 
und gebunden sei, sich neben dem Besonderen auch noch an das Histo- 
rische zu haltenm Verfolgen wir den Gang der aristotelischen Gedanken, 
so müssten wir consequenterweise auch sagen, dass ebenso die historische 
Malerei, welche die innern Vorgänge der Seele, Gedanken und Stim- 
mungen verkörpert, staatenbegründenden und Völker bildenden Ideen 
dient, philosophischer und poetischer sei, als die Geschichtschreibung. 
Und darum hat auch die Historienmalerei die Berechtigung, ihren Stoff 
poetisch und mit künstlerischer Freiheit behandeln zu dürfen. Sinkt aber 
die Historienrnalerei zu einer Costüm- und Theatermalerei herab, dann 
verliert sie diese Berechtigung und hat keinen Anspruch auf eine höhere 
Stellung. Von jener poetischen Freiheit haben alle großen Künstler Ge- 
brauch gemacht: Rafael in seinen Stanzen, Rubens in seinen historischen 
Darstellungen, und sie hatten Recht, die Geschichtsmalerei im poetischen 
Geiste und mit voller künstlerischer Freiheit zu behandeln. Und so 
möchten wir auch jetzt, wo wir uns dem eigentlichen Thema nähern, 
unseren Künstlern empfehlen, den reichen historischen Stoß", welcher die 
großen Vorgänge der üsterreichischen Geschichte in sich schließt, mit 
poetischer und künstlerischer Freiheit zu behandeln und dabei den großen 
Staatsgedanken, der in der österreichischen Geschichte so deutlich zu Tage 
tritt, als den leitenden Grundgedanken, ich möchte sagen wie das Leit- 
motiv in der Musik, zu betrachten. Denn die Stärke und die Kraft der 
habsburgischen Dynastie und ihrer welthistorischen Mission liegt nicht bloß 
in den einzelnen Thaten der Monarchen, sondern in der völkerverbindenden 
Mission, welche alle Regenten der Ostrnark von den Zeiten Karls des 
Großen bis in die Gegenwart übernommen haben. Die Zeit, in welcher 
nach dem Absterben der Babenberger die habsburgische Dynastie die 
Führung des österreichischen Staatsgedankens übernommen hat, welcher 
in der Gründung der Ostrnark gelegen ist, war eine Uebergangsperiode
	        

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