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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 215)

Theophil v. Hausen. 
Wien ist heute gleich einem geistigen Reservoir, in welchem alle 
großen Richtungen der Architektur einmünden und vollberechtigt auch 
ihre Repräsentanten gefunden haben. So ist Th. Hansen der hervor- 
ragendste Vertreter der hellenistischen Renaissance unserer Zeit. 
Die Griechen sind seine Vorbilder, Schinkel sein Lehrmeister. Wie die 
Griechen und Schinkel den Gegensatz von Kunst und Kunstgewerbe, von 
Kleinkunst und monumentaler Kunst nicht gekannt haben, so schließt 
seine künstlerische Thätigkeit das Bauwerk im engeren Sinne eben so 
sehr in sich, als Gefäß, d. i. das Geräthe, die innere und äußere Aus- 
stattung, die constructive wie die decorative Seite des Bauwerkes. 
Seine zahlreichen Bauten umfassen alle Formen des Baues, das Wohn- 
haus, das Zinshaus, kirchliche wie Militärbauten, und dann Zierbauten 
aller Art. 
Däne seiner Nationalität, Protestant seinem kirchlichen Bekenntnisse 
nach, war er fern von Sympathie für die moderne Romantik und das 
Deutschthum. Bei Kirchenbauten benutzte er die Formen des byzantinischen 
Styles und wendete öfters den Kuppelbau an. Doctrinär des Hellenismus, 
verzichtete er auf die constructiven und künstlerischen Vortheile des 
Bogenmusters und bevorzugte den griechischen Florizontal-Architravbau. 
Von Jugend an Arbeit und Selbständigkeit gewöhnt, hat er die harte 
Schule des Lebens schon früh durchmachen müssen. Er musste schon in 
jungen Jahren auf eigenen Füßen stehen. Damals gab es keine S-jähr. Schul- 
pßicht, die Aufnahme in eine Kunstschule warnicht von dem absolvirten Gym- 
nasium oder der Realschule abhängig. Nachdem er in der Kopenhagener Aka- 
demie Preise errungen hatte, musste er, wie sein Biograph Friedrich Pecht 
erzählt, in seinem fünfzehnten Lebensjahre Lineal und Reissfeder mit der 
Kelle vertauschen und drei Jahre lang den Sommer durch das Maurerhand- 
werk praktisch lernen, während er den Unterricht nur im Winter fortsetzte. 
Das damalige künstlerische und technische Erziehungssystem war gewiss 
rationeller als jetzt, wo man auf das Wissen mehr Gewicht legt, als auf das 
Können und die Kunstjugend sehr spät zur praktischen Thätigkeit 
gelangt. Schon früh lernte er die Bedingungen baulicher Thätigkeit kennen, 
musste sich, um sein Brud zu verdienen, mit den Handwerkern Kopen- 
hagens in Verbindung setzen, und für sie Zeichnungen für Geräthe aller 
Art machen. Sie lohnten seine Arbeiten durch feierliche Ueberreichung 
einer großen goldenen Kette, als er von seiner ersten Reise nach Athen 
zurückkehrte. Auch das französische System der Schulconcurrenz und 
Preise, welche an der Kopenhagener Akademie nach dem Vorbilde der 
Pariser Akademie eingeführt war, bewährte sich bei Hansen. 
S0 kam manches Th. Hansen zu statten, bevor er Berlin und 
Athen besuchen konnte, zwei Städte, welche auf ihn großen Einfluss 
nahmen, denn in Berlin lernte er Schinkel gründlich kennen, während in 
Athen die Bauwerke der perikleischen Zeit seinen Geist befruchteten. Die
	        

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