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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 217)

Die erste lautete: 
Hochgeehrter Herr Bürgermeister, hochgeehrte Anwesende, liebwerthe Freunde 
und Baugenossen! (Stürmische Acclamation. Rufe: Ruhe!) Ich bitte wirklich, gönnen 
Sie mir einige Ruhe, denn die Ereignisse der letzten Woche haben mich mächtig 
ergrilfen, und Sie werden es begreiflich finden, dass ich in diesem Augenblick erragt 
bin, bis in die letzte Faser meines Wesens; ich habe oft Gelegenheit gehabt, im 
Laufe dieses Baues zu lhnen zu reden, und Sie mit Begeisterung anzuspornen zur 
Vollendung diesses Werkes. Heute, wo es in seiner äußeren Gestalt vollendet ist, 
wird mir das Reden nicht so leicht. 
Das natürlichste Gefühl, das jeder Baumeister hat, wenn das Werk vollendet ist, 
ist das der Dankbarkeit. Dankbarkeit gegen Denjenigen, der ihm den Auftrag er- 
theilt, Dankbarkeit gegen Diejenigen, welche mit ihm das Werk ausgeführt haben. 
Der Gemeinderath und durch ihn die Bürger Wiens haben mich und meine Bau- 
genossen zu tiefstem Dank verpßichtet, dass sie uns den Auftrag ertheilt haben, das 
Werk zu schaffen. Denn das Größte an jedem Werk, das ist der Ent- 
schluss und der Wille, es zu machen, und so ist eigentlich die 
zeugende That bei lhnen, hochgeehrte Gemeinderäthe, und in der 
Bürgerschaft Wiens. Wenn diese That nicht volksthümlich, nicht natürlich, 
nicht begründet gewesen wäre, so hatten Sie nimmer durch lhren Entschluss den 
Impuls zur Ausführung geben können. Dass wir unsere besten Kräfte eingesetzt haben, 
darf ich wohl versichern. 
Mein Streben ist gewesen, die verschiedenen Ideen der Architektur, wie sie in 
mir gelebt haben und wie sie andererseits die Zeit, in der wir leben, und wie sie 
sich uns aufnöthigen, in diesem Werke zum Ausdrucke zu bringen. Für die styli- 
stische Richtung des Baues mag die Situation des heutigen Tages bezeichnend sein, 
dass ich als Erbauer zwischen dem Bürgermeister der Stadt Wien und dem Bürger- 
meister der Stadt Rom an Einem Tische sitze. 
Wenn wir diesseits der Berge mit unserer Kraft stets zusammenhalten mit Denen 
jenseits der Berge mit ihrer Feinheit und Liebenswürdigkeit, muss allemal was 
Großes entstehen, Das ist meine moderne Architektur, das ist mein architektonisches 
Glaubensbekenntniss. Es steht vor lhnen in Stein und damit habe ich Ihre Herzen 
getroffen; das haben Sie mir bewiesen durch tausendfaltigen Jubel und Zuruf. 
lch und die Meinigen wir sind schwache Menschen, als Menschen nicht fähig, 
Vollkommenes zu leisten, aber Eins kann ich sagen: was in unserer Macht gelegen 
ist, das haben wir gethan. 
Und nun, es ist ein alter Brauch: Wenn ein Meister sein Haus vollendet hat, 
so halt er seinen Meisterspruch, und diesen gestatten Sie mit hier zu sprechen, denn 
man sagt ja, dass die Wünsche, welche der Baumeister scheidend seinem Hause 
zuspricht, in Erfüllung gehen. 
Und so wünsche ich denn, dass das höchste Gut, das der Bürgerschaft gegeben 
werden kann, das ihr gehört, wenn sie es nur haben will: das ist die Einigkeit, 
ihr zu Theil werde. Die Einigkeit, das ist das lneinanderfügen scheinbar heterogener 
Elemente, das ist das Princip in jedem Bau, das ist das Geheimniss aller Architektur, 
aller menschlichen Gesellschaft. So wünsche ich Ihnen Allen die Einigkeit und ich 
weiß ja, dass die Einigkeit nicht ungetrübt sein kann, aber ich wünsche, dass aus 
der Differenz der Anschauungen, aus der Divergenz der Meinungen das Ideal her- 
vorgehen möge und die großen Resultate für Wahrheit, Freiheit und Recht 
im Bürgerleben erzielt werden mögen. Es möge Jeder, der in der menschlichen 
Gesellschaft eine Aufgabe zu erfüllen berufen ist, sich dessen bewusst sein, dass er 
die Einigkeit zu stützen hat und sich an das Ganze zu schließen. 
Und so gut die Fundamente das Ganze zu tragen und scheinbar unbeachtet doch 
höchst nützlich sind, und so wie die obersten Steine nicht denken dürfen, dass sie 
für sich allein sind, so ist es auch in der Bürgerschaft. Jeder trachte in seiner Art 
beizutragen, dass das bürgerliche Gebäude, welches nur in geordnetem Zustande be- 
stehen kann, den Stürmen der Zeit, den Stürmen, welche noch darauf eindringen 
werden, widcrstehe. 
In diesem Sinne haben wir an dem Ralhhaus gearbeitet, es möge ein Vorbild 
sein für die'Einigkeit des Bürgerlehens dieser Stadt. 
Und gleichzeitig haben wir gedacht, dass Wien auch seine Heiterkeit be- 
wahren muss. Wir haben nicht vergessen, dass in der Freude der Bürgerschaft 
auch die Macht liegt zum Schaffen. Der Mensch, der keine Freude hat, der kann 
auch nichts mehr schaffen, und so lange die Wiener ihre Freudigkeit bewahren, so 
lange werden sie auch schaffen. 
. Und so wünsche ich lhnen zuletzt Freude und Friede in diesem Hause, 
dann wird dies Haus für Jahrhunderte stehen und eine unbestürmbare Burg des
	        

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