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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 218)

von Paris, wilde Urwaldphantasien neben ganz reizenden Rococo-Mustern. 
Auch muss erwähnt werden, dass eine Firma ersten Ranges, welche in 
polychromer Seidenstickerei technisch excellirt - die jetzt modernen 
schwarzen Fächer mit großen bunten Blumen wurden von derselben im 
letzten Winter in alle Welt exportirt - künstlerisch sehr schlecht 
berathen ist. 
Auffallend ist es ferner, dass sich die Reform des Geschmackes 
nicht in demselben Grade wie bei der Fabriksarbeit auf die Handarbeiten 
bezieht. Die technisch außerordentlich vollendeten Spitzen dieser Art 
zeigen oft höchst geschmacklose Muster, wie z. B. ein Taschentuch mit 
sämmtlichen Schweizer Wappen und Scenen aus der Tellsage. Da in der 
Ausstellung unter die Spitzen und Stickereien auch weibliche Hand- 
arbeiten aller Art eingereiht sind, schließen wir deren Besprechung gleich 
hier an, obwohl sie künstlerisch mit denselben gar nichts zu schaffen 
haben. Hier finden wir, wenn auch nicht durchwegs, einen wahren Wett- 
eifer in Geschmacklosigkeit. An den Frauen und Jungfrauen von Bern, 
Luzern, Interlaken, Winterthur, Wyl, Romanshorn, namentlich aber an 
jenen der italienischen Schweiz ist die Reform im Kunstgewerbe bisher 
spurlos vorüber gegangen, und wir meinen uns angesichts dieser Arbeiten 
in die schlimmste Zeit moderner Geschmacksverirrungen zurück versetzt. 
Der Spitzenfabrication nahekommend an Productionswerth ist die 
der Seidenstoffe (gegen 77 Millionen Francs jährlich). In kunstindu- 
srrieller Beziehung steht sie aber tief unter der ersteren. Dieser Industrie 
fehlt das, was die Spitzenindustrie so bedeutend macht, die künstlerische 
Selbständigkeit. Sie steht unter dem Banne der Mode, unter dem Ein- 
fluss von Paris und Lyon, wo man gegenwärtig die bunten, groß- 
blumigen Muster der Fünfziger und Sechziger Jahre wieder hervorsucht. 
So verdienstvoll diese Industrie in technischer Beziehung vielleicht sein 
mag, der gute Geschmack findet mit Ausnahme einiger schön gemusterter 
Seidenbänder und elnfärbiger Stoffe von wohlthuender Wirkung nichts 
Erfreuliches in dieser Gruppe der Ausstellung. 
Einen anderen Entwicklungsgang, als sich nach dem glänzenden 
Eindrucke auf der Wiener Weltausstellung und dem mächtigen Auf- 
schwunge, den diese Fabrication in den vorhergegangenen Decennien 
genommen, hat die Schweizer Baumwollenindustrie durchgemacht. 
Eine Reihe misslicher Verhältnisse hat diese Industrie in den letzten 
Jahren bedeutend geschädigt. 
Erhöhte Concurrenz im Auslande und ungünstige Zollverhältnisse 
haben es herbeigeführt, dass gegenwärtig in Europa fast nur Italien für 
den Export noch erübrigt, während früher Frankreich und der Norden 
Deutschlands ein I-Iauptabsatzgebiet bildeten. Nach dem Oriente aber 
liefert die Schweiz nach wie vor jene mannigfachen und prächtigen 
Gewebe, jene mit Gold und Silber durchwirkten Schleier, jene mit 
türkischen, persischen und indischen Mustern bedruckten Cattune, ge- 
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