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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 224)

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Arbeitsunterricht in Frankreich. 
Der vNOFJWCSIu veröffentlicht in seiner Nummer vom 10. Februar 
den Wortlaut einer bedeutsamen Rede, welche im Mai vorigen Jahres 
der damalige französische Minister des üßentlichen Unterrichts, Herr Jules 
Ferry, bei Gelegenheit der feierlichen Grundsteinlegung zur National- 
schule für höheren Volksschul- und Arbeits-Unterricht (Ecole nationale 
d'enseignement primaire superieur et professionel) in Vierzon gehalten 
hat und welche wir, in der Annahme, dass diese bemerkenswerthen Aus- 
führungen auch dem Leserkreise der nMittheilungenu von Interesse sein 
werden, nach ihrem wesentlichen Inhalte wiedergeben. Sie lautet nach den 
einleitenden Worten von mehr localer Bedeutung: 
Meine Herren! 
Die Volksschule von heute, die, welche wir nach dem Ideal organisirt haben, das 
der französischen Revolution vorgeschwebt hat, diese kleine Schule ist von der ersten 
Stunde an eine Arbeitsschule, das heißt sie bezeichnet es als ihr Ziel, das Kind darauf 
vorzubereiten, dass es, wie die bei weitem größte Mehrzahl der französischen Bürger. 
ein Arbeiter werde. 
Was sind denn in Wirklichkeit die neuen Wege, welche Sie in der Schule ein- 
geschlagen sehen? Was ist der Anschauungs-Unterricht, Was die Schulsammlungen, in 
welchen der Fleiß des Lehrers oder des Schülers sich bemüht. die verschiedenen Erzeug- 
nisse sei es des Erdbodens, sei es der heimischen Arbeit, zu sammeln? Was ist dies 
Alles, wenn nicht der Anfang, die erste Form der Erziehung zur Arbeit, die elementare 
Vorbereitung auf das praktische Leben, auf die Arbeit, welche jedem in diesem Frank- 
reich das Recht gibt, das Haupt hoch zu tragen und sich Bürger zu nennen? 
All' die neuen Programme beruhen auf dem zwiefachen Gedanken: der Volks- 
schulunterricht muss zunächst eine allgemeine Erziehung geben, ohne welche ein sicheres 
Eingehen auf Besonderes nicht moglich ist, ohne die es keinen tüchtigen und gründ- 
lichen Arbeitsunterricht gibt, und sie muss in zweiter Linie aus einer Reihe von 
Uebungen bestehen, die dahin zielen, das Kind in einer allmalig fortschreitenden und 
wohl erwogenen Entwicklung mit dem wirklichen Leben in Berührung zu bringen. Den 
Menschen und den Bürger von klein auf zu erziehen, den Arbeiter ihr die KlVerkstatte zu 
bilden, das ist unsere Aufgabe, und wenn das gegenwärtige Geschlecht Zeit findet, sie 
zu erfüllen, so wird es ruhmbedeckt in das Grab steigen können. 
Es vergehen die Jahre der Elementarschule, aber wenn der Elernentarunterricht den 
ersten Lauf durchmessen hat, so eröffnet sich vor den Schritten des jungen Mannes eine 
weite und beängstigende Kluft: keine Schule, nichts gibt es mehr zwischen dem 12., 
15. Jahre und dem Beginn der Lehrzeit. 
Diese Kluft ist es, die wir durch die Arbeitschule überbrücken wollen, und das 
Muster einer Arbeitsschule solcher Art wollen wir hier begründen; es liegt mir sehr 
daran, hier diesen Charakter scharf zu bezeichnen und mit Genauigkeit ihren Umfang 
und ihr Bereich zu bestimmen. Wir wollen in Vierzon nicht eine Arbeitsschule schaffen, 
welche die Kunst- und Gewerbeschulen von Chalons, von Aix und von Angers nach- 
ahmt. Nein, diese Schulen haben einen genau bestimmten Zweck: sie sollen Werkmeister, 
Unterofficiere für dasArbeitsheer ausbilden; hier wollen wirSuldaten für dieses Heer schulen. 
lngenieure, Werkführer, Musterzeichner, sie bilden die Führerschaft der Arbeit und 
der französischen Industrie. Mit diesen wollen wir uns hier nicht beschäftigen, sondern 
mit der großen arbeitenden Menge selbst; den Arbeiter wollen wir erziehen; ihm wollen 
wir eine praktische und geistige Erziehung geben, welche ihn seiner täglichen Aufgabe 
überlegen machen und ihn, weit entfernt ihm dieselbe zu verleiden oder ihn abzuziehen, 
durch ein innigeres und fester-es Band mit ihr verknüpfen wird. 
ich kenne die alte Lehre wohl, welche sagte: nEs ist unvorsichtig, dem Volke 
eine Erziehung zu geben; es ist unvorsichtig, den Arbeiter etwas mehr zu lehren, als 
er für seinen täglichen Beruf braucht. Er wird die Lust an seinem Gewerbe verlieren, 
wenn er über seinen engen Horizont hinausgehtn Das ist eine aristokratische und falsche 
Auffassung; unsere Auffassung ist derselben gerade entgegengesetzt. Wir halten in der 
That dafür, dass jemehr der Arbeiter mit den Naturgesetzen, deren Bundesgenosse er 
nur zu oft unbewusst ist, vertraut, je besser er seine tägliche Arbeit kennen wird, desto 
mehr wird er sein Handwerk ehren und lieben. 
Es gibt hierüber ein sehr schönes Wort von Channing, einem von den Mannem, 
welche das Volk am meisten geliebt und die moderne Demokratie am besten gekannt
	        

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