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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 224)

haben. Clianning hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Fabrikarbeit wie die Arbeit 
in der Werkstatt unaufhörlich alle Entdeckungen der Wissenschaft, die ältesten wie die 
jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Erscheinung bringt, und er empfiehlt den 
Staatsmannern, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, diese sicheren Errungenschaften des 
Menschengeschlechts auch in den Werkstätten zu verbreiten. wDenn-i, sagte er, nes gibt 
kein besseres Mittel, ein Handwerk zu adeln, als indem man den innigen Zusammenhang 
zeigt, der es mit den natürlichen Weltgesetzen verbindet.- 
Die Handarbeit adeln, das wollen wir auch; dieses Gelobniss haben wir mit großen 
Lettern auf unser Programm gesetzt, Das Programm der Erziehung zur Sittlichkeit und 
zum Bürgerthum, welches der Hohe Rath des ülfentlichen Unterrichts festgesetzt hat, 
enthält einen Artikel, der da überschrieben ist: IDer Adel der Handarbeitu. Und damit 
der Adel der Handarbeit nicht nur von denen die sie ausüben, sondern auch von der 
gestimmten Gesellschaft anerkannt werde, hat man das sicherste, das einzig praktische 
Mittel gewählt, man hat die Handarbeit in die Schule selbst eingeführt! Glauben Sie es 
nur, wenn der Hobel und die Feile ihren Platz neben dem Zirkel, der geographischen 
Karte und dem Geschichtsbuch, wenn sie einen Ehrenplatz eingenommen haben, und 
wenn sie der Gegenstand eines vernünftigen und systematischen Unterrichts sein werden, 
dann werden sehr viele Vorurtheile absterben, viel Kastengeist wird verschwinden, der 
sociale Frieden wird sich auf den Banken der Elementarschule vorbereiten und die Eine 
tracht wird mit ihrem strahlenden Lichte die Zukunft der französischen Gesellschaft erhellen. 
Der Arbeitsunterricht. der hier ertheilt werden wird, hat den ausgesprochenen 
Charakter, nicht Fachunterricht füt 'rgend ein bestimmtes Handwerk zu sein: er wird 
Handfertigkeitsunterricht ohne Specialisirung sein; er wird die Hauptprincipien, auf denen 
alle Arbeiten beruhen, mittheilen; er wird z. B. die Kenntnisse. welche für die Metall- 
arbeit, und diejenigen, welche für die Holzarbeit nöthig sind, in sich zusammenfassen. 
Während der drei Jahre, währerd deren die jungen Schüler von Vierzon die Arbeits- 
schule durchmachen, ztvischen dem 12. und 16. Lebensjahre, werden sie leicht - die 
Erfahrung darüber liegt vor, das Programm steht fest, die Zeit für die Uebungen ist von 
vornherein bestimmt - werden sie in den beiden grundlegenden Arten der Handfertiglteit, 
in der Metall- und Holzarbeit, ausgebildet werden. Und was wird die Folge dieser for- 
malen Erziehung zur Arbeit sein, die ihnen zwar kein bestimmtes Handwerk lehrt, die 
sie aber befahigen wird, dasjenige viel schneller und viel besser zu lernen, welches sie 
sich einmal wählen werden? 
Die Folge davon wird eine zweifache sein: erstens ist es klar, dass dadurch die 
Dauer der Lehrzeit selbst erheblich abgekürzt werden wird, was schon ein beträchtlicher 
Vortheil ist, und zweitens hat das Kind während dieser drei Uebungsjahre das zu thun, 
was es jetzt nicht kann, frei und mit klarer Erkenntniss des Grundes die Laufbahn zu 
Wahlen, die ihm zusagt, sich über seinen Beruf zu entscheiden. Endlich wird es gerüstet 
sein gegen die Gefahr der maschinenmäßigen Specialisirung, der Arbeitstheilung bis in's 
Unendliche, welche eine Nothwendigkeit des Fortschrittes der modernen Industrie ist, 
der aber die menschliche Weisheit, die Einsicht der Regierung, der Erzieher des Volkes 
vorzubeugen, die sie in ihren schlimmen Folgen abzuschwaclten haben; es wird gegen 
eine tyrannische Specialisirung ankämpfen können, es wird im Nothfall ein anderes 
Handwerk wählen, und es wird nicht unbedingt an die Metallarbeit gebunden sein, weil 
es ebenso gut für die Holzarbeit vorgebildet ist. 
Das ist es. was ich hier über den unterscheidenden Charakter und über das prak- 
tische Ziel der neuen Schule zu sagen hatte. Ich zögere nicht es auszusprechen, dass es 
eines der populärsten und demokratischsten Werke ist, die man in jetziger Zeit voll- 
führen kann, und ich füge hinzu, dass es ein eminent nationales Werk ist. Wir werden 
dahin gelangen, den Arbeitsunterricht, so wie wir ihn wünschen, zu organisiren; denn 
wir werden dabei außerordentlich durch den lmpuls der öffentlichen Meinung unterstützt. 
Es ibt in Bezug auf diesen Punkt herrliche Zahlen, die ich lhnen im Vorübergehen 
mittheilen will: der Arbeitsunterricht ist mit der Volksschule an mehr als einem Orte 
verbunden, in geringerer Ausdehnung, mit weniger Aufwand als in unserer Schule von 
Vierzon. Für eingerichtet, fest bestimmt und ernstlich durchgeführt kann man ihn in 
400 Dorfern oder Hauptorten französischer Bezirke ansehen. Und seit welcher Zeit, 
meine Herren? Seit 1879. 
187g gab es 40 höhere Volks- und Arbeitsschulen in Frankreich, welche ihr Ent- 
stehen mehr oder weniger zufällig dem guten Willen der Gemeindeverwaltungen und 
dem freien Verlangen der öffentlichen Meinung verdankten; und seit 1879 sind, ohne 
anderes Dazuthun, als dass man dem sich regenden guten Willen die Hand reichte, mehr 
als 400 auf französischer Erde geschaffen worden. 
Meine Herren! Dieser Unterricht, der, wie Sie sehen, schon tiefe Wurzeln im 
Volke geschlagen hat, entspricht einem doppelten Interesse: einem großen sittlichen und 
sozialen, und einem wichtigen wirthschaftlichen Interesse. 

	        

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