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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 224)

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meisten empfehlen, den wesentlichen Inhalt der Rede des genannten 
Herrn Abgeordneten nach dem stenographischen Berichte im Nachfol- 
genden wiederzugeben. 
nWenn wir die Ausgaben, welche in unserem Budget für Kunst- und für archäo- 
logische Zwecke angesetzt sind, vergleichen mit den Posten, welche in anderen Cultur- 
landern für derartige Zwecke votirt werden, so zeigt sich eine große Differenz. Es ist 
ganz eigenthümlich, dass, obwohl Oesterreich, ich kann sagen ein kunstliebender Staat 
ist, und obwohl sich Wien zu einer der schönsten Stadte Europe's ausbaut, für Kunst, 
Kunstweaen und für archäologische Zwecke in Oesterreich fast gar kein Geld vom Staate 
votirt wird. Es ist, als ob die Regierung der Ansicht ware, dass wir in Oesterreiclt 
schon so schone Vorbilder und so große archäologische Schatze besitzen, dass es nicht 
nothwendig Ware, dieselben zu vermehren. 
Ich brauche nicht aufmerksam zu machen, dass wir von demjenigen, was man 
kunstarchaologische Denkmäler nennen kann, sehr wenig besitzen und dass gegenüber 
allen anderen Staaten Europe's unser Musealwesen noch in den Anfangen sich befindet. 
Allerdings werden die kaiserlichen Museen in einigen Jahren vollendet eein, und der 
äußere Bau derselben ist ein prachtvoller, auch sind bedeutende Kunstschatze, besonders 
in Waden, in Pretiosen der Renaissance, in Kameen u. s. W. vorhanden; auch unsere 
Bildergalerie hat einen bedeutenden Werth, aber an Antiken besitzen auch die kaiser- 
lichen Museen außerordentlich wenig, so dass wir in ihnen nur hie und da ein Muster 
erblicken werden, nur einen Repräsentanten einer großen Kunstperiode, die uns eigentlich 
völlig fehlt. Es ist nicht meine Ansicht, dass es in Oesterreich in späterer Zeit wesentlich 
anders werden kann. Die kaiserlichen Museen werden nie die Mittel haben, die ein Staat 
hat, um diese immense Lücke auszufüllen, und der Staat, ich sehe es nicht ab, wird 
auch nie die Mittel haben, Kunstmuseen für sich zu errichten. Er wird nie die Mittel 
haben, um, wie Frankreich, England, Russland, Deutschland, ltalien es gethan, sich 
Schätze zu kaufen oder riesige Summen auszugeben, um Ausgrabungen zu diesem 
Zwecke zu veranstalten. Dieser Zustand wird wahrscheinlich erst von unseren Söhnen 
und Enkeln als eine Unterlassungssünde betrachtet werden, nachdem bis dahin durch 
Ausgrabungen, durch die Forschungen der Kenner Alles aufgekauft sein wird, was über- 
haupt noch zu finden ist. Wien wird die einzige Weltstadt sein, welche den Fremden 
nicht einmal ein Museum bieten kann. 
Aber nicht nur die eigentlichen Original-Kunstschatze der Antike fehlen uns, son- 
dern es fehlen uns merkwürdigerweise auch sehr viele Abgüsse. Außer den Museen 
besitzen London, Paris und mehrere Städte Deutschlands, vor Allem Berlin, sehr aus- 
gebreitete Gypsmuseen, wo das, was den heimischen Museen fehlt, in Gyps zur Dar- 
stellung kommt. Wir in Oesterreich besitzen nicht einmal ein Gypsmuseum; wir haben 
wohl Gypse, und zwar in dem Kunstindustrie-Museum und in der Akademie, - diese 
Sammlungen sind aber so lückenhaft und fragmentarisch, die Gypse selbst sind zum 
Theile in einem so schlechten Zustande, dass sie eigentlich als Abschreckungsmittel und 
nicht als Anregungsmittel den Kunstschülern dienen können. Ich will eben nur sagen, 
dass die Hälfte der Gypse der Akademie nicht Abdrücke nach Originalien, sondern dass 
sie Abgüsse nach Gypsen sind, die bereits angestrichen, geputzt und wieder angestrichen 
wurden, so dass die Form der Antike kaum mehr zum Vorschein kommt. 
Es ist auch ganz natürlich, dass, nachdem die beiden Institute viele Gypse be- 
sitzen, ihre Raume nicht mehr genügen. um dieselben aufzustellen; ja dass wir nicht 
den vierten, nicht den zehnten Theil antiker Gypse in diesen Museen beherbergen könnten. 
Als drastisches Beispiel will ich anführen, dass wir von den Mediceergräbern von 
Michel Angeln keinen einzigen Gyps in Oesterreich besitzen. Dieser Zustand ist be- 
dauernswerth, ia er ist erbärmlich, und ich glaube, dass, so arm auch Oesterreich ist, 
doch mit der Zeit, wenn unsere Budgetverhaltnisse besser sind, wenn z. 13., wie der 
Herr Finanzminister uns versprach, schon im künftigen Jahre das Gleichgewicht im 
Staatshaushalte hergestellt sein wird, wir zur Ausgabe von einigen tausend Gulden 
schreiten sollten, um nach und nach, wie es einem armen Manne ziemt, diesem drin- 
genden Bedürfnisse abzuhelfen. 
lch stelle mir vor, dass auch die Stadt Wien, welche den Fremdenzufluss begün- 
stigen muss, bereit sein wird, in Verbindung mit dem Stadterweiterungsfond vielleicht 
eines der durch unglückliche Parcellirungen übrig gebliebenen Grundstücke und Dreiecke 
zum Baue eines Gypsmuseums abzutreten (?) und ich meine, dass zu diesem Zwecke wie 
zu allen anderen ähnlichen Zwecken sich sehr bald in Wien ein Verein von sachver- 
ständigen und opferwilligen Männern bilden wird, welcher das Ministerium in der Er- 
reichung dieses Zieles unterstützen dürfte. 
Ein solches Gypsmuseum, welches angefangen von assyrischen und ägyptischen 
Denkmälern durch das ganze classische Alterthum hindurch zur Gothik und Renaissance
	        

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