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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 233)

Die sociale Stellung der Architekten i). 
Von R. v. Eitelberger. 
Kein Satz der Aesthetik und Kunstgeschichte ist weniger anfechtbar, 
als dass der Architektur die Führerrolle in der bildenden Kunst zusteht. 
Aber trotzdem ist nichts sicherer als dass heutigestags die Stellung des 
Architekten im Bau- und Kunstleben eine unsichere geworden ist. Die 
sociale Stellung der Architekten ist tief erschüttert und es geht daher 
durch die Kreise der Architekten, welche gehobenen Sinnes sich ihres 
großen Künstlerberufes bewusst sind, ein Zug des Unmuthes über die 
unsichere, man möchte sagen, dernüthigende Stellung, welche heutigestags 
von einigen Vertretungskörpern und bureaukratischen Kreisen ihnen zu- 
gewiesen wird. 
Es wird daher Niemand Wunder nehmen, wenn heutigestags die 
Frage der socialen Stellung der Architekten Gegenstand eingehender 
Erörterungen geworden ist und dass im Laufe des verflossenen Winters 
im Oesterr. Museum in Wien von einer Reihe hervorragender 
Architekten der Monarchie die ungünstigen Verhältnisse, durch welche 
die gegenwärtige Generation der Architekten leidet, zur Sprache ge- 
kommen sind. 
Die Wiener Architekten haben allerdings alle Ursache auf die Früchte 
ihres künstlerischen Wirkens mit Stolz zu blicken und jene Schritte vor- 
zubereiten, welche zur Sicherung ihres Standes im Staate, im gesellschaft- 
lichen Leben nöthig sind. 
Wer heutigestags durch Wien, Pest, Prag, Lemberg schreitet, der 
wird, wenn er wahrheitsgetreu sich ausspricht, nicht anders als das Be- 
kenntniss ablegen können, dass die künstlerische Physiognomie der großen 
Städte der Monarchie das Werk jener hervorragenden Baukünstler ist, 
welche in Wien gelebt und die dortige Kunstschule begründet haben. 
Unter den Wiener Architekten nehmen Van der Nlill und Siccards- 
burg, Friedrich Schmidt, Heinrich v. Ferstel, Theophil v. Hausen, Carl 
v. Hasenauer den ersten Rang ein. Sie haben die Baukünstler gebildet 
welche jene Bauten hervorgerufen haben, welche die Zierden von Pest, 
Prag, Triest, Lemberg und Agram sind. Und trotzdem ist heutigestags 
die sociale Stellung eines Architekten in Oesterreich eine unsichere 
geworden. 
Es lohnt sich wohl der Mühe den tieferliegenden Ursachen nachzu- 
forschen, welche dieser Erscheinung zu Grunde liegen; denn nicht bloß 
in Oesterreich wird die Frage der socialen Stellung der Architekten zum 
Gegenstand der Erörterung in Fachkreisen gemacht. Auch die englischen 
') Soeben ist erschienen eine nStudie über die Organisirung des Bauwesens in 
Oeslerreich von Franz v. Neumann iun., k. k. Baurath. Wien 1884. im Selbstverlage 
des Herausgebern, auf welche wir demnächst in eingehender Weise zurückkommen 
werden.
	        

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