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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 233)

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läulig nicht, im Stande abzusehen, wann die Zeit kommen könnte, wo 
das Kunstgewerbe ohne Schaden zu nehmen, sich von einer derartigen 
Leitung emancipiren dürfte. Wir können also den Grundsatz, dass das 
Kunstgewerbe wieder selbständig werden müsse, nur mit gewissen Ein- 
schränkungen acceptiren. Ganz unrichtig ist es, uns in diesem Falle das 
Beispiel der Franzosen vorzuhalten. Denn bei allen jenen Gelegenheiten, 
wo es sich darum handelt, reichere Möbel oder sonstige größere Obiecte 
in einem ganz bestimmten Styl durchzuführen, wendet sich der Pariser 
Ehenist ebenso an einen Architekten, wie die berühmten Bronzegießer 
Barbedienne oder Deniere sich von den ersten Bildhauern von Paris ihre 
Modelle verschalfen. Jenes große Gebiet der Kunstindustrie dagegen, 
welches sich auf die Entwürfe der aus dem Handwerk hervorgegangenen 
Dessinateure stützt, zeigt zum großen Theil eine künstlerische Verwahr- 
losung, die eine unübertrolfene Routine und virtuose Technik kaum zur 
Noth verhüllt. Uns, welchen keine ununterbrochene Tradition im Kunst- 
gewerbe zur Seite steht, uns, die wir zahlreiche kunstgewerbliche Tech- 
niken erst vor Kurzem neu lernen mussten, uns würde ein Vorgang nach 
dem Muster der Franzosen direct in's Verderben stürzen. Ebensowenig 
dürfen wir uns durch Zustände der Vergangenheit im Urtheil über das 
irre machen lassen, was uns heute frommt. Die Selbständigkeit des 
Kunstgewerbes in früheren Jahrhunderten war überhaupt in ganz ande- 
rem Sinne vorhanden, als man sie heute von gewissen Seiten anstrebt. 
Eine viel mächtigere Führung, als heute durch die Architektur aus- 
geübt werden soll, lag damals in der Tradition, dem ausgesprochenen 
Styl, dem eng begrenzten Formenschatz. Die Selbstständigkeit der Kunst- 
industrie unserer Vorfahren bestand nur darin, dass das technische Ver- 
fahren unmittelbaren Einfluss auf die Kunstform ausübte, dass die richtige 
technische Behandlung das eigentlich bewegende Motiv in der Kunst- 
industrie war, Form und Farbengebung nur die naturnothwendige C0nse- 
quenz der technischen Procedur bildeten. Gerade diese Punkte aber sind es, 
welche dem modernen Industriellen die größten Schwierigkeiten machen, 
und über welche ihn nur der mit historischem Wissen und künstlerischem 
Empfinden ausgestattete Architekt glücklich hinüber zu führen vermag. 
Bei dem heutigen Stande der Technik. wo das scheinbar Unmögliche 
mit Leichtigkeit ausgeführt wird, wo wir im Stande sind, jedem Materiale 
das Aussehen eines beliebigen anderen Materiales zu geben, so dass oft 
Fayence von Metall, Leder von Holz, Papier von Elfenbein nur mehr 
durch das Gehör oder den Tastsinn von einander unterschieden werden 
können, hat der Einfluss des Materiales auf Technik, Farbe und Form 
aufgehört, die richtigen Wege für die künstlerische Behandlung zu weisen. 
Oder gibt es Jemanden, der behaupten wollte, dass die Kunstindustrie seit 
den letzten 20 Jahren wieder in den Besitz fester, bindender Gesetze 
gelangt sei? Ich meine im Gegentheil, das allgemeine Urtbeil in Fragen 
der Kunstindustrie ist durch die rasche Aufeinanderfolge verschiedener
	        

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