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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 233)

Style nur noch schwankender geworden und der Boden für eine gesunde 
Entwickelung noch immer nicht geebnet. Nur innerhalb eines relativ 
kleinen Kreises geistesverwandter Menschen hat eine wirkliche und durch- 
greifende Besserung stattgefunden. Klarer als zu Beginn der Reform tritt 
die Thatsache uns entgegen, dass nur ein geringer Bruchtheil der Gebil- 
deten befähigt ist, unseren Bestrebungen zu folgen. Andere Interessen, 
mächtigere Strömungen entfernen die moderne Gesellschaft von der Kunst. 
Den meisten Menschen fehlt die nöthige Muße, Ruhe und Sammlung, 
um sich in ein Kunstwerk wahrhaft zu vertiefen. Mit dieser Vertiefung, 
mit diesem langsamen Vertrautwerden mit den Intentionen eines Künstlers 
erwacht aber erst die rechte Lust an einem Kunstwerk. Das Interesse, 
welches der moderne Mensch den Werken der Kunst entgegenbringt, ist 
nur ein oberfiächliches und Hüchtiges, oft selbst ein gemachtes und 
unwahres. Erst kürzlich hat ein bekannter Kunsthistoriker darauf hin- 
gewiesen, dass Kunst und Wissenschaft niemals gleichzeitig bei einem 
Volke zu höchster Blüthe gelangten, dass es gedankenlos sei, diese beiden 
Begriffe bei Schilderung gewisser Culturepochen gemeinsam im Munde 
zu führen, dass vielmehr stets beobachtet werden kann, dass die Cul- 
minationspunkte dieser beiden Culturbestrebungen in der Weise auf- 
einander folgen, dass zuerst die Kunst und dann die Wissenschaft ihre 
höchste Bltithe erreicht. Aristoteles ist aufgetreten, als die heroische Zeit 
der griechischen Kunst bereits vorüber war, während zu Lionardds, 
Michelangelcfs und RafaePs "Zeiten kein Gelehrter gelebt hat, dessen 
Werke denen jener Meister nur annähernd zur Seite gestellt werden 
können. Unsere Zeit kann in Nichts ihren Charakter als Epoche der 
großen Entdeckungen im Reiche der Natur verleugnen, und wie zum 
Beweise dafür, dass die Wissenschaft alle Culturbestrebungen unserer 
Zeit souverän beherrscht und wir alle lebendig wirkenden Kräfte ihr 
verdanken, hat auch die Reform des Kunstgewerbes auf wissenschaft- 
liche Anregung hin stattgefunden. Es ist kein Zufall, sondern liegt im 
Wesen der modernen Cultur tief begründet, dass der erste Anstoß hiezu 
von einem Manne ausging, der Künstler und Gelehrter in einer Person 
war. Gottfried Semper musste schaffender Künstler sein, sonst hätten 
ihn die Fragen der Gegenwart nicht so tief berührt, gelehrtes Wissen 
aber musste er besitzen, um den Stützpunkt für den Hebel zu finden, 
womit er die Irrthümer in Kunst und Kunstgewerbe seiner Zeit gleichsam 
aus den Angeln hob. Und wiederum waren es nicht Künstler, sondern 
Kunstgelehrte, welche Semper's Ideen aufgriifen und weiter verbreiteten. 
So ist denn die Kunst der Gegenwart und mit ihr die Kunstindustrie 
zum großen Theil ein Product der gelehrten Forschung, und zwar steht 
die Sache so, dass wir in den meisten Fällen sofort wieder in Irrthümer 
gerathen, wenn wir uns nur wenige Schritte von derselben entfernen. 
Täglich treten uns die Beweise dafür vor Augen. S0 hatte sich unsere 
Schmiedetechnik in Eisen kaum von Neuem zu hoher Leistungsfähigkeit
	        

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