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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 233)

emporgearbeitet, und sahen wir Gitter, Lampen, Luster, Gueridons und 
Beschläge aller Art entstehen, die eine erfreuliche Virtuosität in Behand- 
lung dieses Materiales bekundeten", so wurde das Schmiedeeisen, seinem 
festen, derben Charakter und seiner bescheidenen Farbenwirkung wider- 
sprechend, mit Fayence und Porzellan verbunden, und es entstanden 
Vasen und Schüsseln, Lampen und Uhren in Schmiedeeisen gefasst oder 
mit solchem verziert, eine Combination, die ebenso unschön als styllos 
genannt werden muss. Aehnliche Verirrungen finden wir auch auf anderen 
Gebieten. Die mannigfachen und originellen Formen der nationalen 
Töpferarbeiten boten unserer Keramik willkommene Gelegenheit, sich mit 
neuen Arten zu bereichern, aber statt zu erkennen, dass die primitive 
Technik und der geringe Aufwand an Mitteln mit zum Styl dieser Ar- 
beiten gehört, hat man es verstanden, sie durch gesuchte Farben, unpas- 
sende Malereien, plumpe Vergoldungen und sonstige Zuthaten charakterlos 
zu machen. Und so ließe sich überall nachweisen, wie unter den Händen 
der Fabrikanten und Kunstindustriellen Alles sofort styllos wird und 
styllos werden muss. sobald nicht tüchtig geschulte Künstler, welche 
sich gründlich mit den Stylfragen auf dem Gebiete des Kunstgewerbes 
vertraut gemacht haben, den verschiedensten Verirrungen Einhalt thun. 
Den Kunstindustriellen soll damit weder ein Vorwurf gemacht noch eine 
unverdiente Kränkung zugefügt werden. Solche Erscheinungen sind viel 
zu tief im Wesen unserer Zeit begründet, als dass Einzelne im Stande 
wären, dagegen anzukämpfen. Täglich können wir es beobachten, welch' 
lächerlicher Unsinn, welch' zügellose Willkür, welch' wahnwitzige Ge- 
schmacklosigkeit sich in den Schaufenstern unserer Magazine breit macht. 
Eisenbahnwaggons als Photographierahmen, Leiterwägen als Wandspiegel, 
Fecht-, Jagd- oder Sportrequisiten als Tische, Stühle, Gebrauchs- und 
Decorationsgegenstände aller Art, das sind die witzigen Einfälle einer 
Kunstindustrie, welche für den Geschmack der großen Menge diesseits 
und jenseits des Oceans arbeitet. Und man hat für diese Dinge auch 
einen neuen, höchst charakteristischen Namen gefunden, man nennt sie 
nPhantasie-Artikell. Es ist dieser Ausdruck deshalb so charakteristisch, 
weil darin das völlige Verkennen dessen, was Phantasie, wenigstens eine 
künstlerisch schaffende, eigentlich ist und soll, so deutlich zu Tage tritt. 
Dass es aber so gekommen ist, kann Niemanden überraschen. Die 
industriellen Erfindungen haben ungeheure Fortschritte gemacht, und die 
Kunst hat mit ihnen nicht gleichen Schritt halten können. Nun sind 
große Anstrengungen, eingehende Studien, umfassende Kenntnisse, nun 
ist vor Allem eine ganz eminente künstlerische Begabung nöthig, um 
dieses Missverhältniss nur annähernd auszugleichen. Die Kunstindustrie 
hat in die Vergangenheit zurückgreifen müssen, um dort wieder festen 
Boden zu gewinnen, sie musste die historische Wissenschaft zu Hilfe 
nehmen, und auf solche Weise die künstlerischen Bedingungen gleichsam 
von Neuem entdecken. Diese wissenschaftliche Grundlage ist aber auch
	        

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