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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 243)

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hörigen Vorbildern, musste bei der Anlage einer textilen Sammlung jenen 
Intentionen in erster Linie Rechnung getragen werden. Aber in Wür- 
digung des engen Zusammenhanges wie er in der Kunst zwischen der 
Erkenntniss der historischen Bedingungen des Werdens und Entstehens 
einerseits und einem zielbewussten Schaffen anderseits besteht, wurde von 
Anbeginn auch angestrebt, eine Vollständigkeit der historischen Ueber- 
sicht über Techniken und Decoration der textilen Erzeugnisse aller durch 
erhalten gebliebene Denkmäler bezeugten Stylperioden zu erzielen. Und 
wirft man einen Blick in den letzten gedruckten Katalog der Samm- 
lungen vom Jahre 1866, so möchte es fast scheinen, dass bis dahin 
das wissenschaftliche Interesse größere Berücksichtigung gefunden habe. 
Denn dem halben Hundert orientalischer und neuerer europäischer Stoffe 
und Stickereien, wovon etwa die Hälfte als Privateigenthum nur vorüber- 
gehend zur Ausstellung gelangt war, stehen dort die 4.00 Nummern der 
Bock'schen Sammlung gegenüber. Wurden auch durch eine Reihe von 
Stücken dieser Sammlung ältere Techniken, namentlich der Stickerei 
wieder bekannt gemacht, oder der Geschmack an der stilisirten Ornamen- 
tirung mittelalterlicher Gewebe durch Nachbildungen von Phil. Haas 
und Giani nach jenen Mustern in fruchtbringender Weise angeregt, so 
steht der Werth dieser unmittelbaren lebendigen Nutzung doch weit 
zurück gegen denjenigen, den die Beck'sche Sammlung für die wissen- 
schaftliche Textilforschung gehabt hat. Denn mit dieser Sammlung hatte 
das Museum den größten Theil des Materials erworben, auf welchem 
Bock das Gebäude seiner Entwicklungsgeschichte der mittelalterlichen 
Textilkunst aufgebaut hat, jenen ersten bahnbrechenden Versuch, dem 
die vielfach abweichenden Ergebnisse neuerer Specialforschungen von 
seinem incunablen Werthe nichts nehmen werden. Die fundamentalen 
Forschungen Prof. Karabacek's haben nämlich zweifellos dargethan, dass 
eine Geschichte wie sie Bock geplant hat, zu abschließenden Resultaten 
nur von einem Orientalisten gerührt werden kann, denn altorientalisch 
wie der Seidenstyl, sind auch die mittelalterlichen Techniken der Weberei 
und Stickerei. Und just zur rechten Zeit wurde in diesem Sinne mit der 
Erwerbung der GraPschen Funde der zweite große Grundstock für die 
historische Erkenntniss der mittelalterlichen Textilkunst gewonnen, wo- 
durch die textile Collection des Oesterr. Museums sich zu einer wissen- 
schaftlichen Sammlung allerersten Ranges emporgeschwungen hat. 
Gegenüber diesen frühmittelalterlichen Denkmälern aus ägyptischen 
Gräbern erscheinen die seither gemachten Erwerbungen von minderem Be- 
lange. Nichtsdestoweniger befindet sich manches Stück darunter, das auch 
für die wissenschaftliche Betrachtung von Interesse ist. Dies gilt zunächst 
von einigen mittelalterlichen Objecten, die lange als Hüllen von Reli- 
quien verwendet aus den Rheinlanden durch Kauf zu uns gelangt sind. 
Zwei davon entstammen wohl dem 14.. Jahrhundert und dürften auf 
italischem Boden ihre Entstehung gefunden haben, gehören also einer
	        

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