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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 1)

und in so manchen anderen kleinen Zügen einer ihrem Ursprunge nach 
oft liebenswürdigen Laune. 
Das erneuerte Rococo, der Styl der Bourbonen, hatte den Styl des 
Kaiserreiches, den Styl der Republik und des ersten Napoleon vom 
Throne gestoßen, aber selber schwankte es, arg umstritten, auf seinem 
Herrschersitz. Schon in napoleonischer Zeit hatte die romantische Schule, 
aus der Literatur in die Kunst hinüberschreitend, auch in dieser ihre 
Vertretung gefunden, begünstigt durch den Schwung der Befreiungskriege, 
wie heute der große Krieg von 1870 und die neue Schöpfung des 
deutschen Reiches die Bestrebungen für die deutsche Renaissance als 
nationalen Kunststyl erweckt haben. Damals nach den Befreiungskriegen 
gritIen die gleichen Bestrebungen der Romantiker, denen der jung ver- 
storbene Wackenroder in den "Phantasien eines kunstliebenden Kloster- 
bfUdCfSu die theoretischen Worte lieh, in das Mittelalter zurück. Sie 
priesen die Gothik als den deutschen, den Vaterländischen Styl, freilich 
damals noch in arg missverstandener oder unverstandener Weise. Man 
erbaute wieder gothische Kirchen und Capellen, restaurirte und baute 
Burgen, errichtete selbst Ruinen auf Felsenhöhen oder in einsamer Wild- 
niss, in tiefen Thälern oder auf künstlichen Inseln in landschaftlichen 
Gärten. Man zimmerte auch gothisches Mobiliar mit zackigen Fialen 
und angeleimtem oder aufgemaltem Maßwerk, bereitete auch gothische 
Pokale, Kannen und Krüge in Silber, Elfenbein und gebranntem Thon, 
Arbeiten der zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhundertes, die dem 
Kunstsammler heute noch zuweilen als Werke des grauesten Mittelalters 
zugebracht werden. 
Aber Rococo und Romantik, wie denn keines derselben zur unbea 
dingten Herrschaft kam", so ließen sie noch Platz für andere Stylarten. 
Als in Paris der antikisirende Styl des Empire versank, hob er sich in 
Berlin auf's Neue. SchinkeYs Bestrebungen in dieser Richtung drangen 
von der Architektur in das Gewerbe ein; man mäanderte in allen seinen 
Zweigen. Man baute gewaltige Porzellangefäße in griechischer Amphoren- 
und Kraterform, umzog sie mit goldenen Vasenornamenten und schmückte 
sie weiter mit Militärparaden, Architektur- und Städtebildern, königlichen 
und militärischen Porträts. Zum Unglück ging man noch mit dem 
ganzen Farbengeschmacke - und auch hier gaben die antiken Vasen den 
Anstoß - in das Trübbraune und Chocoladenfarbige, ein Geschmack, 
den Berlin noch heute nicht ganz abgestreift hat. 
Dieser Geschmack der SchinkeYschen Antike ging aber nicht weiter, 
als eben der Einfluß von Berlin reichte, wie denn überhaupt die einzelnen 
Kunstrichtungen noch mehr oder minder sich localisirten. Auch England 
war von der mittelalterlichen Romantik ergrilfen. Unter Führung des 
Architekten Pugin wurden gothische Kirchen und Schlösser gebaut und 
auch wohl die Möbel gothisch gezeichnet, doch dies eben nur für Kirche 
und Schloss. In das städtische, in das bürgerliche Haus drang diese
	        

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