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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 9)

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Ein solches Beispiel einer fremden Verzierungsweise, im 16. Jahr- 
hunderte auf europäischen Boden verpflanzt und da vollständig einge- 
bürgert, möchte ich heute, so viel dies mit wenigen knappen Zügen ge- 
schehen kann, vorführen und dabei den Versuch wagen, durch den Hin- 
weis auf gewisse physiologische Tbatsachen den Weg anzudeuten, auf 
welchem es mir möglich erscheint, einiges Licht in ein bis jetzt wenig 
erbelltes Capitcl der natürlichen Gesetze der gestaltenden Kunst zu bringen: 
in das der Linienführung. 
' Gerne möchte ich die von mir zu besprechende Ornamentations- 
gattung mit einem trelfenderen Namen kennzeichnen als es der ist, welcher 
rnir zu dieser Zeit noch zu Gebote steht; ich sage,noch, weil der 
eigentliche hiefür passendste Terminus, wie das nun einmal leider kam, 
in der Kunstgeschichte vor schon geraumer Zeit zur Bezeichnung von 
ganz etwas anderem als was er seiner Bedeutung nach hätte charakterisiren 
können, in Gebrauch genommen wurde. Der Kunst des Islams ent- 
stammend und in Europa in verhältnissmäßig kurzer Zeit eingebürgert, 
dabei dem abendländischen Bedürfnisse vollständig angepasst, wäre das 
in Rede stehende Ornament wohl am besten als Arabeske zu bezeichnen 
gewesen; gegenwärtig aber wird diese Benennung fast jedem eine Fläche 
schmückenden, insbesondere phantastischem oder grotteskem Rankenwerk 
gegeben. So mag es denn verzeihlich erscheinen, wenn der vor Jahr- 
hunderten in Anwendung gekommene Ausdruck Maureske auch gegen- 
wärtig noch gebraucht wird, so lange nicht bei Gelegenheit einer wahrlich 
dringend nöthigen Reinigung der deutschen Terminologie des Kunst- 
gewerbes auch der sogenannten Maureske zu ihrem Namen verholfen wird. 
Dass im 16. Jahrhunderte der Ausdruck mauresk im Sinne unserer 
Zeit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und in den 
Niederlanden gang und gäbe war, ist festgestellt. Der Deutsche Virgil 
Solis schreibt auf dem Titelblatte einer Folge seiner in Kupfer gestochenen 
Vorlageblätter, welche ausschließlich Ornamente, wie die in Rede 
stehenden, bringen: nMoriske vnd Türkischer (Einfacher vnd Duwelter) 
art zuglein. Durch Virgillius Solis zu Nurenberg geordnetm Der Nieder- 
länder Balthasar Sylvius, der in dem längeren lateinischen Texte des 
Titelblattes seiner Vorlageblätter zur Charakterisirung derselben sich der 
Worte bediente, wquas vulgo mavrvsias vocantu, wählte damit offenbar" 
eine zu seiner Zeit erschöpfende Bezeichnung. In Frankreich gebrauchte 
in gleichem Sinne Jacques Androuet Du Cerceau das Wort nmoresquew. 
Soll ich nun den Charakter der Maureske mit den kürzesten Worten 
näher defmiren, so mag zunächst angeführt sein, dass zweierlei Ver- 
zierungsmotive, entweder jedes für sich bestehend oder beide zu harmoni- 
schem Zusammenwirken vereint, also im Wesentlichen drei differirende 
Species, in Berücksichtigung zu ziehen sind. 
Erstens ein Litzengellecht von durchwegs gleich breiten oder 
systematisch sich verbreiternden und wieder verjüngenden Streifen zu- 
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