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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 9)

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Die Renaissance und Barocke ging in diesen Reliquiaren wohl auch 
zu ihrer modernen Sargform über; so in dem Sarge des heil. Johann 
von Nepomuk im St. Veitsdome, so in der Stiftskirche von Strahov. 
Aber als eine volle unästhetische Verirrung der Barocke muss ich jene 
Glaskästen bezeichnen, in denen die mit Brocat, Edelsteinen, Glasflüssen 
und Flitterwerk umgebenen Skelette ausgestellt sind, wie in Wien bei 
St. Augustin, St. Stefan (St. Valentinscapelle) und in manchen anderen 
Kirchen. 
Kehren wir zu erfreulicheren Werken zurück. Das herrlichste, aus 
dem Sarge entstandene Grabdenkmal des deutschen Mittelalters, das 
aber zugleich in seinen Formen das Durchbrechen der Renaissance, 
richtung kennzeichnet, das Sebaldusgrab des Peter Vischer in Nürnberg, 
kennen Sie Alle. Die Gothik hat hier noch einmal in voller Pracht sich 
entwickelt. die Renaissance meldet sich an. Nenne ich Peter Vischer's 
mitstrebende Zeitgenossen Adam Krafft ("j 1507), Veit Stoß (T 1542) 
und Albrecht Dürer, so geht demjenigen, der nur einigermaßen die 
Kunstgeschichte jener Tage kennt, eine Perspective herrlicher Werke, 
auch in der Plastik, auf, die bis nach Krakau hinüber reicht; hier ist 
der Ausgangspunkt für herrliche Schöpfungen, die aber nicht rnehr in 
den Rahmen meiner Betrachtung gehören, ich meine die Grabdenkmale 
und schließlich die Denkmale überhaupt. 
Es ist billig, da ich nun schon einen Maler zugleich mit dem Pla- 
stiker angeführt habe, dass ich gleich nach dem plastischen Meisterwerke 
ein Meisterwerk der Malerei erwähne, ich meine den Ursulaschrein, 
auf dessen sechs Felder der berühmte Hans Memling die Legende der 
heil. Ursula gemalt hat. Es ist ein spätgothischer, kirchenähnlicher 
Schrein: in den Gemälden hat Hans Memling den Höhepunkt seiner 
Kunst erreicht, das schönste darunter dürfte die Ankunft der Heiligen in 
Rom sein. Einen ähnlichen Kasten besitzt die Pfarrkirche Strälen in 
Cleve, mit kostbaren Miniaturen auf den vier Seiten; dann der Dom 
von Fritzlar. Ein gemalter großer Reliquienschrein, unter dem man hin- 
durchgehen und die im Durchgange befindlichen Bilder sehen konnte, 
befand sich ehedem in der Capelle der Burg zu Neustadt, nun im 
Neukloster. 
Da die aus Holz, Bronze oder Edelmetall verfertigten, mit Walm- 
dach versehenen Särge öfter in Procession herumgetragen wurden, be- 
mächtigte sich die bildende Kunst dieses Motives. Der schön gearbeitete 4 
Reliquienschrein stand auf einer Bahre, die von vier Bildsäulen auf den 
Schultern getragen wurde; es sind dies oft in Erz ausgeführte Statuen 
von Klerikern ') oder Engeln. 
') Aus'm Wcenh, Taf. XXXVHI, I; Mitth. d. Central-Comm. IV, Tnf. Vlll; Bock, 
Pfalzcapelle l, 2, Fig. 14; - Bock, Taf. XV, 56; Aus'm Wecrth, Taf. LVl, 2.
	        

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