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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 9)

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lch muss noch, weil mit den Reliquiaren zusammenhängend, den 
Möchlinger Schrein'), der jetzt im Ambraser Cabinet sich befindet, 
erwähnen, verfertigt von einem kunstgewandten Mönche von St. Paul in 
Kärnten; er ist sicher, wie der Salzburger Schrein, ein in der Charwoche 
verwendetes heiliges Grab, mit der besonders zu verschließenden Apside 
für das hochwürdige Gut. Ein solches heiliges Grab, das gleich behufs 
der Procession auf Räder gestellt ist, befindet sich in der Pfarre St. Be- 
nedict an der Gran. Derartige, aus Holz geschnitzte heil. Gräber können 
manchmal als wahre Musterkarten für gothische Ornamentirung gelten. 
Das Natürlichste wäre nun, von den größeren unbeweglichen oder 
beweglichen, aus dem Sarge sich entwickelnden Reliquiaren zu den 
kleineren überzugehen, welche für gewöhnlich im Schatze der Kirche 
verborgen waren und nur bei besonderen Festlichkeiten zur Betrachtung 
und Verehrung gezeigt wurden. Aber ich möchte die der Privatandacht 
dienenden, den Privaten gehörenden Reliquiare zugleich mit jenen be- 
handeln und einen kurzen geschichtlichen Ueberblick der Goldschmiede- 
kunst und ihrer Verwandten geben, die ja besonders mit dem Schmucke 
der Reliquien sich beschäftigt haben, muss Sie daher bitten, mir wieder 
bis in die ältesten Zeiten des Reliquiencultus zu folgen. 
Nach der alten Praxis der römischen Kirche war es wohl Jahr- 
hunderte lang nicht möglich, dass Privatleute irgend welche Stücke von 
heil. Leibern zur Andacht in ihren Wohnungen hielten. Höchstens, dass 
man ein Stückchen vom Gewande des Heiligen, Blätter von seinem 
Grabe, Stotfstückchen in Kapseln, die auf seinem Grabe gelegen, bei sich 
tragen konnte, etwa als Anhängsel um den Hals; Enkolpia, und diese 
werden kaum schon eine specielle christliche Form, höchstens etwa die 
des Kreuzes gehabt haben. So war es römischer Brauch. Die berühmte 
Lipsanotheka der Bibliotheca Gueriniana in Brescia, die aus dem 4. Jahr- 
hunderte stammt, dürfte wohl byzantinischen Ursprunges sein. Es ist 
der Vorläufer für eine ganze Reihe von Elfenbeinbüchsen, mit thurm- 
artig zugespitztern Deckel, wie sie in der Kathedrale von Sens, im Museum 
zu Darmstadt, im Welfenschatze sich finden, und wohl, gefüllt mit Re- 
liquien, von Pilgern oder Händlern aus dem Oriente, zunächst aus Con- 
stantinopel, nach dem Westen gebracht wurden. 
(Fortsetzung folgt.) 
') Heider und Eitelberger, Kunstdenkm. l, 136 und Taf. XX; Central-Comm. 
XVlI, 37.
	        

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