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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 12)

zu? 
Spiegel mit Reliquien; wir haben becherähnliche Reliquiare, wie das 
wunderschöne Reliquiar der heil. Apollonia in Herzogenburg; wir haben 
Medaillons (wie in Olmütz 15. Jahrh.), Agraffen und Mantelschließen, wie 
im Domschatze von Prag und Gran. Diese Reliquiare sind zunächst ohne 
architektonischen Aufbau gedacht, erhalten aber bald die Zier, ja auch 
die Construction architektonischer Gebilde: die Cassette, der Sarg, der 
zum großartigen Grabmonumente sich entwickelt, die Pacemtafeln, ja 
auch die mit Reliquien angefüllten Hörner und vollends das jüngste der 
kirchlichen Geräthe, die Monstranze, sie erhalten die Form von Capellen, 
Kirchen, Schlößern mit vielen Thlirmchen (Reliquiar von Gemona und das 
verwandte von Venzone), die Form von Portalen, Thürmen. - Aber 
auch die eigentliche formgebende Kraft der Reliquiare tritt, wie schon 
in einzelnen byzantinischen Exemplaren, im plastisch veranlagten Occi- 
dente bedeutsam auf; ganz unzählig sind die Büsten, Capita, in denen 
Stücke aus dem Schädel eines Heiligen verwahrt wurden; ein sehr 
altes rohes Reliquiar dieser Art befindet sich in Melk, ein herrliches in 
Aachen, mit dem Kopfe Carl des Großen, dann zwei im Welfenschatze hier 
und in Prag. Es gibt noch Reliquiare in Form von Armen (Welfenschatz), 
Fingern und Füßen; unzählig sind die Statuen, wie die des heil. Blasius, 
die Statuetten, z. B. der heil. Madonna, in deren Piedestal oder sonst im 
Inneren Reliquien aufbewahrt wurden; groß ist die Zahl der kreuza 
förmigen Reliquiare, in denen Kreuzpartikel bewahrt sind; uns interessiren 
besonders die Altarkreuze, deren manche Crucifixe hohl und voll Reli- 
quien waren, die Vortragkreuze, unter welche Kategorie das ursprünglich 
als Ripidion (früher) gedachte Reliquiar (Rotula) von Kremsmünster 
gehönt, die Pragerkreuze von Carl lV. gespendet, das herrliche Melker- 
kreuz, das apostolische Kreuz im Schatze von Grau, welches im i5..lahrh. 
schon italienischen Einfluss erkennen lässt. In den alten Heilthumbüchlein 
erscheinen auch viele Attribute der Heiligen und Wappenbilder als Reli- 
quiare, ein und das andere ist noch da: z. B. die Mitra der Goldschmiede- 
innung von Prag. Ganz besonders schön aber sind die Gruppen, welche die 
Reliquien tragen, z. B. die von Hans Greif aus Nürnberg 1472 verfertigte, 
im Hotel Cluny aufbewahrte Gruppe, welche die heil. Mutter Anna vor- 
stellt, auf jedem Knie ein Kind tragend, die zwischen sich ein Reliquiar 
halten; als das schönste dieser Gruppendarstellungen, das goldene 
Rössel in Altötting, das wohl an Goldwerth und Kunst in deutschen 
Landen seines Gleichen sucht. Sein Pendant ist r8o1 der Geldnoth als 
Opfer gefallen und eingeschmolzen worden. Natürlich, dass dort, wo die 
Armuth der Kirche oder andere Verhältnisse das Anschalfen metallener 
Reliquiare nicht erlaubten, solche Büsten, Arme, Statuen in Holz gefertigt 
wurden; so dürfte es in Hall (Tirol) gewesen sein, analog in der 
Ambraser Sammlung, I6. Jahrh. und in der Wiener Prälatur des Stiftes 
Heiligenkreuz (der Kopf eines Königs, Holz, unten noch der Todten- 
schädel vorhanden).
	        

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