MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 2)

HISTORISCHE PRACHT UND MODERNER KOMFORT 
DIE VERWENDUNG ALTER BAUWERKE ALS HOTELS 
FRANZ WlNDlSCH-GRAETZ 
Mehr und mehr macht sieh die Tendenv bemerkbar, den großen 
Heerstraßen des Tourismus und seinen Zentren auszuweichen 
oder sie doch nur für kurz zu lrequentieren, um dann den 
größeren Teil der Urlauhszeit in stillen und unberührten Ge! 
bieten, auf Entdeckungsiahrten nach wenig bekannten land- 
schaftlichen und künstlerischen Schönheiten zu verbringen. Diese 
Einstellung hängt in erster Linie mit der Unabhängigkeit und 
Bewegungsfreiheit des motorisierten Reisenden zusammen. Hat 
' ihren tieferen Grund in dem Wunsch, während der Zeit 
Erholung möglichst wenig an die massierte Lebensweise des 
tisehen Alltags, an die genormte Nivellierung des technisier- 
len Lebens erinnert zu werden, Dem entspricht auch die zu- 
nehmende Vorliebe fiir das kleine Hotel, für das Haus mit per- 
sönlicher Note, das dem Lokalkolorit im besten Sinne des Wortes 
Rechnung trägt. htlnn bevorzugt den ländlichen Gasthof oder 
 
 
Abb. 1 Portal das Hoxtul d. In: Rnyu Clllallcus. hat." Hnpml Real, ln Suimgo 
d. Compusiellu; von Enrlque de Egu (1501-11). Spanischer Überglngnlll: Gooik. 
Ruuulssanco (.E1lllo plilerascb"), 
eine Pension, die beispielsweise in einem früheren Landhaus, in 
einem alten Privathaus mit Individualität eingerichtet ist. 
Abcr noch gibt es in den für den Fremdenverkehr neuerdings 
in Betracht kommenden Gebieten wenig geeignete Unterkunfts- 
möglichkeiten, die den erwähnten Anforderungen gerecht wer- 
den. Hier erwachsen der Hotelerie und darüber hinaus der pri- 
vaten Initiative völlig neue Möglichkeiten und Aufgaben. Es 
geht darum, Quartiere zu beschaffen, die einerseits den An- 
sprüchen des modernen Komforts genügen, andererseits den 
Charakter der Siedlungen und der Landschaft nicht stören, die 
gerade ihrer Unberührtheit wegen aufgesucht werden. Es wird 
daher eine enge Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege und 
Fremdenverkehr von großer Wichtigkeit sein. 
In vielen Ländern, z. B. in Deutschland, Frankreich, Portugal 
und Spanien, greift man nun in steigendem Maße zu dem Mittel, 
kunslhistorisch wertvolle Gebäude für diese neuen Zwecke zu 
adaptieren. Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die Miäg- 
lichkeit der Heranziehung von Schlössern und Palästen. Denn 
ihre Erhaltung ist überall oder doch in der überwiegenden Zahl 
der Fälle, für die Besitzer und für die mit der Denkmalpflege 
betrauten Behörden ein brennendes Problem geworden. Die Ein- 
richtung eines kleinen Hotels oder einer Pension bietet nun die 
Chance, diesen Schwierigkeiten wirksam zu begegnen. Und in 
vielen Fällen konnten mit diesem Versuch bereits beste Erfah- 
rungen gemacht werden. 
S panien, das erst in den Jahren nach dem Krieg anfing, sich 
mehr und mehr dem internationalen Tourismus zu öffnen und 
vielfach die dafür notwendigen Voraussetzungen erst schaffen 
mußtc, hat auf dem Gebiet des Ilotelwesens mit der Einrichtung 
der „Parad0res" etwas höchst Originelles und Naehahmens- 
wertes geleistet. Die Bezeichnung „Parador Nacional" (ein- 
gerichtet von der Direcciön General del Turismo) führt eine 
Anzahl von Hotels, die durchwegs in historisch oder künstlerisch 
bedeutsamen Bauten eingerichtet wurden. Ein Verzeichnis aus 
dem jahre 1950 zählt deren zehn auf; es sind inzwischen noch 
mehr geworden. 
So ist, um nur einige als Beispiel zu nennen, der Parador von 
Ciudad Rodrigo (Provinz Salamanca) in einer turmbewehrten 
Burg aus dem 14.]h. untergebracht, während in Oropesa bei 
Tolcdo der alte Palast der Condes de Oropesa, Duques de Frias, 
und in Santillana del Mar (Provinz Santander) einer der für 
dieses malerische Städtchen berühmten Paläste in ein Hotel um- 
gewandelt wurde. Dabei muß betont werden, daß mit wahrhaft 
vorbildliehem Respekt vor dem historisch Gewordenen stets 
streng darauf Bedacht genommen wurde, den architektonischen 
Bestand nach außen hin in seiner charakteristischen und origi- 
nellen Erscheinung völlig unberührt zu lassen. Einzig eine un- 
auffällige Aufschrift oder mehr Blumen, als sie sonst an Hiiusern 
in Spanien üblich sind, und schließlich die zahlreichen ausländi- 
schen Wagen, die vor dem Gebäude parken, machen es dem 
Reisenden als den gesuchten Parador kenntlich. 
Eines der großartigsten Hotels dieser Art ist das Hostal de los 
Reyes Catolicos in Santiago de Compostella, das im ehemaligen 
Hospital Real vergangenes Jahr eröffnet wurde (Abb. 1). An 
der mächtigen, nach ihm benannten Plaza del Hospital vor der 
berühmten Kathedrale, dem Nationalheiligtum Spaniens, gelegen, 
wurde dieser Bau, wie es sein heutiger Name sagt, von den katho- 
lischen Königen, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Ara- 
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