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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 7)

stehende Textilproduction noch heute in überwiegenden: Maße zeigt, 
vor etwa zwanzig Jahren aber geradezu ausschließlich gezeigt hat. Die 
Productionsweise des Hausfleißes wurde schon oben als eine primitive, 
antiquirte Stufe der Erwerbsthätigkeit gekennzeichnet. die heutzutage 
bei den meisten Culturvölkern Europa's längst außer Gebrauch gekommen 
ist. Der Schluss liegt nahe, dass auchfdasjenige, was man in Folge dieses 
Zurückbleibens hinter den wirthschaftlichen Umwälzungen der Zeit bis 
auf den heutigen Tag producirt hat, eine ältere, antiquirte Stufe der 
Textilkunst darstellt, die wir innerhalb ihrer Geschichte zu suchen haben. 
Damit verbindet sich bereits die Annahme, dass auf derselben Stufe einst- 
mals alle heutigen Culturvölker Europa's gestanden sein müssen. Aber 
selbst wenn wir die Abstammung dieser sogenannten nationalen Haus- 
industrie von einer urslavischen Textilkunst voraussetzen wollten, müssten 
wir uns auf die Suche nach jener in der Vergangenheit liegenden Zeit 
begeben, wo Deutsche, Magyaren und Rumänen unter den künstlerischen 
Einßuss der Slaven gerathen sind, welcher Einßuss sich doch nach Allem, 
was die Kunstgeschichte Analoges lehrt, nicht ausschließlich auf das 
textile Gebiet beschränkt haben konnte. 
Auf dieser Suche kommen uns nun zunächst die viel besprochenen 
spätantiken Funde aus Aegypten zu statten, indem sie uns erlauben, 
mit voller Sicherheit festzustellen, dass die vorhin geschilderten Arten 
der Leinenverzierung - die primitive Buntweberei ausgenommen - aus 
dem Alterthum nicht übernommen sein können. Ihre Entstehung muss 
jünger sein, und zwar in eine Zeit fallen, da die im Alterthum zur 
Leinenverzierung überwiegend verwendete Technik der Wirkerei (minder 
richtig, aber gemeinverständlicher Gobelinweberei genannt) bereits außer 
Gebrauch gekommen war. Wir vermögen mit ziemlicher Sicherheit zu 
behaupten, dass die Verdrängung der Wirkerei durch das Eindringen der 
Seide erfolgt ist, deren Vorzüge durch die Wirkerei nicht so zur Geltung 
kommen konnten, wie durch die Weberei, für deren technische Vervoll- 
kommnung sich die Seide aber auch viel gefügiger zeigte, als Wolle und 
Leinen. Die Folge war, dass man unter dem Einfiusse der Seidenweberei 
in der Webetechnik so weit gelangte, um auch in der Leinenweberei 
von den lancirten streifenförmigen oder broschirten geometrischen Streu- 
mustern zu reicheren Ornamenten fortzuschreiten. Wie sehr man hiebei 
in Abhängigkeit von der Seide blieb, zeigen die blau oder roth gewebten 
Bordüren der Antependien, Tischtücher u. dgl. des 15. und 16. Jahr- 
hunderts mit denselben paarweise gegeneinander gestellten Bestien und 
Vögeln, wie wir sie an den gewebten Seidenstoden des 10.-12. Jahr- 
hunderts antrelfen. Gegenüber diesen spätmittelalterlichen Leinen-Bunt- 
webereien repräsentiren aber diejenigen der Südslaven sowohl nach der 
technischen als nach der ornamentalen Seite eine noch ältere Stufe, und 
zwar jene, die - wie die ägyptischen Funde lehren - die jungen Cultur- 
vülker des werdenden Mittelalters von der Antike übernommen haben. 
(Schluss folgt.)
	        

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