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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 9)

bogen als Gecüste für die Flügel. Stramm und steif zeigten sich die 
ältesten Adlerbilder (Fig. 22) mit abwärts gestreckten Fängen und Flügel- 
fedem. Die Sachsen, d. h. die Armknochen der Schwingen, durch den 
Kreisbogen markirt, waren dabei nur flach gekrümmt, der Schnabel ge- 
schlossen und der Kopf schräg nach aufwärts gerichtet. Der Adler der 
Renaissancezeit spreizte seine Fange fast wagrecht aus (Fig. 23), die 
Sachsen krümmten sich, bis sie schließlich schon mehr als die Hälfte 
eines Kreises bildeten; die Flügelfedern breiteten sich fächerförmig aus, 
bis das äußerste Paar senkrecht sich emporrichtete. Der Schnabel erschien 
verzerrt und aufgerissen mit herausgeschlagener, manchmal mit einem 
Widerhaken versehener Zunge. Zwischen diesen beiden extremen Dar- 
stellungsweisen gab es viele Abstufungen, und diese bilden für den Kun- 
digen die Uhr, welche ihm über die Zeit, aus welcher die Adlerfigur 
stammt, die nöthigen Andeutungen gibt. 
Sonst fanden sich in den Wappen noch mannigfache, nach existi- 
renden benannte oder phantastische Lebewesen. Das Einhorn, der Pe- 
gasus, der Drache, aber auch die Katze und der Hund, der Pelikan, die 
Lerche, die Henne, die Taube u. s. w.; auch Reptilien und lnsecten: 
die Schlange, die Biene u. s. w. Sie wurden alle ohne Rücksicht auf die 
ihnen zuzuschreibende relative Größe gebildet und hatten unter allen 
Umständen den Raum des ihnen zugewiesenen Feldes nach den Grund- 
sätzen der Ornarnentik auszufüllen. Aus dem Pfianzenreiche fanden außer 
Bäumen auch kleinere Pflanzen und Blüthen Verwendung: die Rose, fünf- 
oder sechsblätterig, die Lilie u. s. w. 
Es folgt das Heer der nkünstlichenu Figuren, der Waffen und Ge- 
räthschaften: Schwerter, Morgensterne und Streitkolben, Sicheln und 
Barten; der Baulichkeiten, Mauern, Thürme und Castelle, der Brücken 
und Schiffe u. s. w, u. s. w. Doch auch hier tritt keine dieser Figuren 
aus ihrem ornamentalen Charakter heraus; nirgends eine Spur von per- 
spectivischer Ansicht, nirgends eine wbildmäßige- Darstellung mit Unter- 
scheidung des Vorder- und Hintergrundes. 
Es erübrigt nun noch, bezüglich des Schildes einige Worte über das 
Technische seiner Herstellung vorzubringen. Bei dem wirklichen Schild, 
dem zum Gebrauche bestimmten und dabei heraldisch ausgestatteten, wurde 
wohl in den ältesten Zeiten der europäischen Wappenkunst, d. h. haupt- 
sächlich in der romanischen Periode, von der sogenannten Stiickung ein 
ausgiebiger Gebrauch gemacht. Auf den mit Pergament, Leder oder mit 
grundirter, mit Gyps, Kreide, Leim etc. präparirter Leinwand überzogenen 
Feldern, deren Oberßäche häufig nicht glatt, sondern durch Pressung, 
Schnitt etc. gemustert (damascirt) erschien, wurden mit Beihilfe einer 
vielfach variablen Methode, reliefartig sich abhebend (aus verschiedenem 
Materiale hergestellt), die ngemeinen Figurena applicirt, das Ganze. wo 
es erforderlich war, mit Pinsel und Farbe weiter behandelt, mit Gold 
und- Silber ausgestattet; wo es aber zweckdienlich erschien, die Figuren
	        

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