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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 12)

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ist, verbindet sie eine reichere Ornamentik und beherrscht neu entstandene 
Decorationsweisen, wie z. B. das durchscheinende Weiß auf dunklem 
Grunde, päte sur päte. Kleine, überaus zierliche Gegenstände gelingen 
ihr wie Colossalvasen mit gleicher Reinheit der Farbe und Vollkommen- 
heit der Forrri. Wenn man der Fabrik etwas zum Vorwurf machen kann, 
so ist es das, dass alle ihre so zahlreich und vielseitig ausgestellten Ar- 
beiten fast ausnahmslos reine Luxusgegenstände sind, d. h. Gegenstände 
für die Augen, nicht für den Gebrauch, während die Fabrik im vorigen 
Jahrhundert beides mit einander vereinigte und für die Tafel der Fürsten 
und der vornehmsten Familien das Speisegerätb zu liefern hatte. 
Es mag mit darauf beruhen, dass der Einfluss von Sevres auf die 
anderen französischen Porzellanfabriken, den sie doch berufsmäßig als 
Staats- und Kunsranstalt üben soll. nur gering erscheint, wenigstens 
nirgends auf der Ausstellung sichtbar wird. Die Privatfabriken sind mehr 
oder weniger alle auf den praktischen Gebrauch ihrer Gegenstände an- 
gewiesen und müssen in der Hauptsache für diesen arbeiten, und dafür 
liefert ihnen Sevres keine Vorbilder. Sie gehen daher, insbesondere die 
Limusiner Fabriken, an deren Spitze Haviland 81 Comp. steht, ihren 
eigenen Weg, der nicht immer glücklich ist. Neben fein verziertem Ge- 
räth finden sich auch noch allerlei Absonderlichkeiten, so z. B. ein 
Speiseservice, bei welchem alle Formen viereckig sind, andere in einem 
wilden Rococo, wie es das Porzellan der Rococozeir, das sich weit maß- 
voller hielr, gar nicht gekannt hat, oder das Ornament liegt nach Art der 
Japaner beliebig an irgend einer excentrischen Stelle oder umzieht das 
Gefäß in schiefer Richtung, aller natürlichen Form zuwider. Ueberhaupt 
ist noch viel Gesuchtes, absichtlich Bizarres in diesem Porzellan der 
Privatindustrie, das noch sehr der reinigenden Vorbilder bedarf. Einzelne 
Fabrikanten können die schlimmen Zeiten der ersten Hälfte dieses Jahr- 
hunderts nicht vergessen und arbeiten zu viel rnit Vergoldung und ver- 
goldeter Bronzemontirung, welche letztere Sevres glücklich von sich ab- 
gerhan hat. 
Einen bei Weitem günstigeren und großartigeren Eindruck machen 
die französischen Faiencen, welche ganz der Privatindustrie angehören. 
Wie hoch hat sich dieser noch so junge Zweig der Kunstindustrie er- 
hoben! Einstmals blühend, dann versunken und vergessen, nur dem 
gewöhnlichsten Gebrauchsgeschirr dienend, hat er sich heute im Laufe 
von zwei bis drei Jahrzehnten zu einer wahren Kunst herangebildet, die 
vor den höchsten Aufgaben, gleicherweise der Kunstindustrie, der Malerei 
wie der Plastik, nicht zurückschreckt. Alle europäischen Staaten nehmen 
gegenwärtig Theil an der Faience-Industrie, meistens aber mit Specialitäten 
und insbesondere solcher, welche einstmals im eigenen Lande blühten. 
Nur Frankreich, und vielleicht noch neben ihm England, umfasst das ganze 
Gebiet vom einfachen, farbig glasirten Topf bis zum figurenreichen Wand- 
gemälde. Die Entwickelung geht in dieser Linie aufwärts ohne Unter-
	        

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