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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 12)

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beiten in Glas, Porzellan und glasirtem Thon. In diesen Zweigen hat 
die Reform, welche vom South-Kensington-Museum ausging, wohl am 
tiefsten eingegrilTen, und sie sind auch diesmal das lnteressanteste und 
Anziehendste in der englischen Abtheilung. Die Faiencen, welche sonst als 
sogen. Delft das gewöhnliche Gebrauchsgeschirr für den Speisetisch und 
den Theetisch zu liefern hatten, haben sich nach der Richtung des Luxus 
und der Decoration zu wahren Kunstgegenständen erweitert und erhöht 
bis so weit, dass sie schon beginnen die Wände mit Landschaften und 
figürlichen Gemälden zu bedecken, statt der kleinen, meist nur ornamental 
verzierten Fliesen, welche wir bisher zu sehen gewohnt waren. Das feine, 
aber allzu zarte, sonst nur dem festlichen oder besonderen Gebrauche 
dienende englische Porzellan hat den Faiencen einen Theil ihres Gebietes 
abgenommen und zeigt in großer Zahl in Formen wie Verzierung außer- 
ordentlich schönes Tafel- und Theegeschirr. Aber auffallender Weise, so 
sehr hier das Gefühl für Maß und dem Material so angemessene Fein- 
heit obwaltet, so zeigt sich andererseits ein Bestreben, das sonst den Fran- 
zosen mehr zu eigen war, die Eigenschaften des Materials zu übertreiben 
und mit den Formen in's Colossale zu gehen. So hat Doulton in seiner 
bekannten decorativen Art eine ganze Anzahl von Riesenvasen ausgestellt, 
ein anderer Fabrikant, Goode, hat eine Faience-Jardiniere gebracht in 
Gestalt eines sechs Schuh hohen, reich geschmückten Elephanten, ein 
dritter, Brownfield, rühmt sich gar, dass seine Porzellanvase, welche mit 
einem Globus und den Figuren der vier Jahreszeiten und sonstigen Alle- 
gorien die Erde vorstellen-soll, der größte Gegenstand sei, der je in 
Porzellan ausgeführt worden. Aehnliche Bestrebungen zeigt auch das 
englische Glas. Neben ausgezeichneten Leistungen in seinem ureigenen 
Krystallglase, sowohl nach beiden Richtungen im Brillantscbliff wie in 
zierlichen Formen mit gravirten Ornamenten, strebt das englische Glas 
nach Seltsamkeiten und nimmt venetianische Motive auf, z. B. einge- 
streutes Gold und Silber, und verwendet dieses bunte Glas zu ganz 
absonderlichen, unschönen, unregelmäßigen und in der Größe über- 
triebenen Formen. 
ln einem anderen Zweige der englischen Kunstindustrie, im Mo- 
biliar, ist wieder übergroße Feinheit an Stelle der alten Schwere und 
Derbheit getreten. Der Geschmack in den Möbeln, wie überhaupt in der 
Decoration und Ausstattung der Wohnung, hat in England seit dem 
Beginn der Reformen verschiedene Wandlungen durchgemacht und ist 
jetzt beim Empire angekommen. Der gräcisirende Stil dieser Zeit, wie 
ihn Wedgwood in Porzellan eingeführt, herrscht jetzt im kostbarsten 
Mobiliar, und zwar nicht blos in Structur, Ornament und Profil, sondern 
ganz besonders in einer mit äußerster Feinheit und Vollendung aus- 
geführten Marqueterie. Diese Wahrnehmung, welche ich schon vor meh- 
reren Jahren in England machte, bestätigt die Pariser Ausstellung mit 
dem Wenigen, was dort von englischem Mobiliar zu sehen ist. Gleich- 
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