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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 2)

Ueberhaupt besteht das große culturpolitische Problem der Gegen- 
wart darin, die Kraft des Capitals und "der Maschine mit dem Kunstsinn. 
und den sittlichen Anforderungen der Gesellschaft und der Familie in 
Einklang zu bringen. Nicht die unbeschränkte Geldgier erzeugtGlück 
und Zufriedenheit, sondern nur ein frohes Gemüthsleben innerhalb der 
Familie, in welcher Kinder und Greise allein ihren Bestand und auch die 
Thatkräftigen allein ihr menschenwürdiges Behagen finden können. 
Ungarn ist gleich wie andere Länder, deren Bevölkerung aus mehreren 
Nationalitäten besteht, bei der naturgemäß verschiedenartigen Entwicke- 
lung der Cultur innerhalb derselben, an seinem einheitlichen Fortschritte 
in mancher Beziehung gehemmt. Zwischen die den Bodenbesitz cultivirenden 
zwei extremen Stufen der Vornehmen und der Bauern tritt allmälig ver- 
mittelnd ein Mittelstand ein, welcher sich im Wege der gelehrten Berufe, 
des Handels, Gewerbes und Communicationswesens bildet. Nach und 
nach rücken Einzelne aus dem Mittelstande zu den Vornehmen hinauf 
und aus den Bauern ergänzen sich die Gewerbe. Schon hieraus ergibt 
sich der Missstand einer zünftlerischen Gewerbegesetzgebung, weil dieselbe 
es dem Arbeiter- und Bauernstande zu sehr erschwert, sich organisch 
mit dem Mittelstande zu verbinden und selbst einer ausgiebigen Unter- 
stützung der agricolen Hausindustrie im Wege von kaufmännisch geleiteten 
Unternehmungen gar leicht unüberwindliche Schranken setzt. Und doch 
setzt die zukünftige Lebensfähigkeit der Hausindustrie geradezu voraus, 
dass die regelrechten Zweige des Handels und Gewerbes sich ihrer an- 
nehmen und dadurch ihre Production leiten und ihren Absatz steigern. 
Um ein einigermaßen anschauliches Bild über die Verbreitung und 
den Charakter der Hausindustrie in Ungarn zu gewinnen, dürfte sich 
eine ethnographische Eintheilung, welche in geographischer Reihenfolge 
die einzelnen Nationalitäten Ungarns in's Auge fasst, am besten empfehlen. 
Solchergestalt kann eine liebevolle Behandlung der Hausindustrie zugleich 
in culturgeschichtlichem Sinne werthvoll werden und zum Aufbau und 
zur Entwickelung der Völkerkunde und insbesondere der Völkerpsychologie 
manchen Baustein beitragen. 
Wir beginnen im äußersten Osten Ungarns, im waldreichen Berg- 
lande Siebenbürgen, bei den Szeklern. Sobald wir das Haus des Szeklers 
betreten, sehen wir die Erzeugnisse des Hausileißes seiner Familie, wohin 
wir auch unsere Blicke wenden. 
im Zimmer des Szeklers bilden den schönsten Schmuck die auf 
Stangen ausgebreiteten Stickereien, welche stilisirte Thier- und Pflanzen- 
muster enthalten und darnach benannt werden: Hahnenkamm, Frosch, 
Bärentatze, Tulpe, Eichel, Katzenpfote. Als Erinnerung an die Zeit, wo 
die Szekler noch zur Militärgrenze gehörten, erhielt sich in den Sticke- 
reien auch der stilisirte Doppeladler, gleichwie die Bildnisse Ihrer Maje- 
stäten in keinem Szekler Hause fehlen dürfen. Außer den verschieden- 
artigen Krügen sind es besonders die Szekler Teppiche, die in der originellen
	        
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