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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 3)

und westeuropäische Hausindustrie. Was den Vergleich mit den heutigen Zuständen zu 
einem noch vollkommneren macht, ist der Umstand, dass der gestimmte Verlag und Ver- 
trieb der Gäuweberwaare in den Handen einer beschrankten Anzahl von Ulmer Groß- 
capitalisten, den sogenannten Wollherren lag, so wie heute die St. Gallener Fabriks- 
herren die Maschinstickereien bei den Hausindustriellen bestellen und die abgelieferte 
Arbeit auf dem Weltmarkte vertreiben. 
Wir fragen natürlich, wie sich dieser Großverlag, dieser Vorläufer fabriksmaßiger 
Massenerzeugung mit dem damals herrschenden Zunftwesen vertragen konnte? Auch hier- 
über wird uns lehrreicher Aufschluss zu Theil, der uns zugleich das tertiutn compara- 
tionis mit den heutigen Zustanden deutlich erkennen lasst. Das ganze tg. Jahrhundert 
hindurch sehen wir namlich die Weberzunft hartnäckig bestrebt, den Großverlag der 
Wollherren auf dem Wege zu beseitigen, dass der Rath den Gauwebern das Arbeiten 
für den Ulmer Markt verbieten solle, wodurch diese letzteren gezwungen worden wären, 
in die Stadt zu ziehen und in die Zunft einzutreten. Der Rath war sich aber von An- 
beginn darüber klar, dass ein solches Verbot nicht blos gefährliche Schwankungen in 
die Productionsverhaltnisse bringen müsste, sondern sogar den Ruin der ganzen Ulmer 
Baumwollindustrie zur Folge haben konnte. Der Bedarf war nämlich auf diesem Ge- 
biete ein unendlich wechselnder: in einzelnen Jahren beschaftigte man kaum 300, in 
anderen 500 Gauweber. Waren aber diese einmal in die Stadt gezogen, so hatte man in 
nachfragelosen Jahren ein städtisches Proletariat auf dem Halse, dem man keinen Ver- 
dienst zu bieten vermochte, wahrend der Gauweber auf dem Lande in solchen Jahren durch 
den landwirthschaftlichen Betrieb noch immer allein sein Auskommen fand. Es handelte 
sich eben im vorliegenden Falle nicht um einen localen Consumartikel, wie etwa Fleisch 
und Brot, dessen Beschaffung gemaß einem feststehenden oder nur geringfügigen Schwan- 
kungen ausgesetzten Bedarfe auf eine beschränkte Anzahl von Zunftangehdrigen ver- 
theilt werden konnte, sondern um einen Artikel des Welthandels. Solcher gab es im 
15. Jahrh. allerdings nur wenige; wo aber einer in Frage kam, da entzog sich derselbe 
schon damals, wie wir aus dem Beispiel der Ulmer Baumwollindustrie ersehen konnen, 
den beschrankten Productionsvorschriften des Zunftwesens. Die Kämpfe der Ulmer Weber 
mit den Wallherren im I5. Jahrh. lesen sich ganz ähnlich, wie die Tumulte, die um den 
Anfang dieses Jahrhunderts z. B. die Errichtung der ersten Fabrik zu Reichenberg im 
Gefolge hatte. Aber auch die Rolle, die dabei der patriarchalische Hausfleiß und insbe- 
sondere die eigentliche Hausindustrie in nationalokonomischcm Sinne gespielt haben, 
verdient unsere volle Beachtung mit Rücksicht auf die modernen Bestrebungen, die so 
nachdrücklich auf eine Hebung dieser beiden letztgenannten Betriebssysteme, namentlich 
auf dem Gebiete der Textilindustrie, abzielen. Rgl. 
Bibliographie des Kunstgewerbes. 
(Vom 15. Januar bis 15. Februar 1891.) 
I. Technik u. Allgemeines. Aexthetik. l 
Kunstgewerblicher Unterricht. ' 
Abney. Colour. With numerous diagrarns. 
11'. Christian Knuwledge Society. z sh. 6 d. 
Arrangements, Decorntive. (lllustr. kunst- 
gewerhl. Zeitschr. für Innendec., ll, z.) 
Beförderung des Kunstgewerbes in Frank- 
reich. (Bayer. Gew.-Ztg. 1891, 1.) 
- - (Wieclfs Gew.-Ztg. 5; nach d. vN. 
TiSChIGTZKgJ) 
Betrachtungen, Kunstgewerhliche. (Zeitschr. 
des Vereine: deutscher Zeichenl. 1891, e.) 
Bie, O. Altnttische Kunst. (Westermann's 
lllustr. deutsche Monntshefte, Febr.) 
Bing, H. Heinrich Hnnsen. (ln dAn. Spr.) 
(Tidsskr. f. Kunstind, 6.) 
Boudoir, Einiges über des. (lllustr. kunst- 
gewerbl. Zeitschrift f. lnnendecon, ll, z.) 
Effenberger, P. Einführung in die Or- 
nnmentik. (Aus: vleitschr. des Vereines 
deutscher Zeichenlehrerc.) gr. 8'. 48 5. 
mit 67 Zeichngn. im Text. Stnde, 1890. 
75 Pfg. 
Fälschungen. 
xlx, n.) 
Felde gg, F. v. Die Stellung des Kunst- 
gewerbes zum Fnbriksbetrieb. (Wieckk Ge- 
werbe-Ztg, 6; n. d. lMittheil. des k. k. 
Oeslerr. Museumsu.) 
Gallnnd, C. Der große Kurfürst von 
Brandenburg. Neues über sein Verhält. 
niss zur bildenden Kunst. (Repert. für 
Kunstwissensch" XIV, z.) 
Geschmacksrichtung, Die, im modernen eng- 
lischen Kunstgewerbe. (Wieclüs Gew.- 
Ztg., LVI, 3.) 
Glinzer, E. Ueber den Naturlehre-Unter- 
richt in Gewerbeschulen. (Zeitschrift für 
gewerbl. Untern, 10.) 
Gonse, L. L'Art gothique. L'Architecture, 
In Peimure, ln Sculpture, le Decor. 4'- 
(Blätter für Ku nstgewerbe ,
	        

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