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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 3)

an: 
Schnittes, doch ganz einfach unverziert gehalten und daher wohl nicht 
als Festgewänder zu betrachten. 
Bei solcher Mannigfaltigkeit der Formen wie der Verzierung ist es 
natürlich auf fremden Einfluss zu schließen. und in der That, wenn wir 
uns unter den Trachten des europäischen Ostens umsehen, so finden wir 
genug verwandte Erscheinungen. Die Querborten auf der Brust und die 
Schnüre und Zierknöpfe, mit denen der Rock geschlossen wird, finden 
wir gerade so bei den Russen, bei den Polen, bei den Türken. Ja, bei 
den Letzteren finden wir fast unterscheidungslos die gleichen Costüme 
wie bei den ungarischen Herren. Und das ist auch nicht zu verwun- 
dern, da ja der größte Theil Ungarns anderthalb Jahrhunderte unter tür- 
kischer Herrschaft stand. ln dieser ganzen Zeit stand auch das ungarische 
Nationalcostüm unter dem Einfluss der türkischen Tracht. Es ist wesentlich 
türkisch und gehört dem osteuropäischen Kleidertypus an, der einen Gegen- 
satz zur westeuropäischen oder französischen Mode bildet. 
Als nun aber am Ende des 17. Jahrhunderts Ungarn durch die 
österreichischen Waffen von den Türken befreit wurde und mit dem 
Westen Europa's in Verbindung gerieth, da ist es auch die europäische 
Mode, welche statt der türkischen in Ungarn eindringt und die ungarische 
Nationaltracht umzuwandeln beginnt. Unsere Ausstellung enthält ein 
höchst merkwürdiges Beispiel davon, ein ungarisches Costüm der Rococo- 
zeit von Husarenschnitt, mit langen engen Beinkleidern, die unten auf 
Stiefel berechnet sind , mit kurzer Jacke, auch mit geschlungenen 
Schnüren geziert und mit Schlingen über Knöpfen zu schließen. Soweit 
ungarisch. An allen Nähten und Rändern aber vom Kragen bis zu den Stiefeln 
herunter ist dieses ganze Costüm von schwarzem Tuch mit der zartesten 
und zierlichsten Blütnchenstickerei in farbiger Seide bedeckt, wie nur Frack 
und Weste von irgend einem Hofcostüm der gleichen Epoche. Wie wir auch 
aus anderen Abbildungen wissen: die ungarische Nationaltracht war unter 
Maria Theresia auf dem vollen Wege sich zu europäisiren und zu fran- 
zösisiren. Da kam der Gegenkampf gegen Kaiser Joseph, der sich in die 
Folgezeit fortpflanzte. Diese immer auf's Neue sich wieder erhebende 
Opposition ist es gewesen, welche die Nationaltracht als ein politisches 
Palladium für Ungarn gerettet hat, freilich unter Formen, die mehr der 
Phantasie als der Tradition angehören. 
Aehnlich sind die Schicksale der sogenannten Volkstrachtemwenigstens 
insofern, als sie selten ein hohes Alter beanspruchen können, andererseits 
aber von mancherlei Veränderungen zu erzählen haben. bei denen ehe- 
malige Moden die oberste Rolle spielen. 
Die Volkstrachten, d. h. die eigenthümlichen Trachten, welche nicht 
ganzen Ländern oder Völkern, sondern nur einzelnen Gegenden, Ort- 
schaften, Dörfern oder Städten, auch wohl nur einzelnen Ständen und 
Gewerben zukommen, sind durchaus nicht auch nur mit annähernder 
Vollständigkeit auf unserer Ausstellung vertreten. Es fehlen Deutsch-
	        

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