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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 11)

 
zeigen auch auf unseren Friedhöfen wenigstens vereinzelte Beispiele. Als 
deren erstes, geradezu classisches, nenne ich das Denkmal, welches Otto 
König seiner ersten Frau und drei zarten Kindern, die im Jahre 1873 
eine Epidemie binnen wenigen Tagen hinwegraffte, auf dem protestan- 
tischen Friedhofs in Wien gesetzt hat. Es ist ein einfacher, schlichter, 
stelenartiger Grabstein mit einer abgerundeten Nische in der oberen Hälfte. 
In dieser sitzt die Verstorbene, bekleidet - was beachtet sein möge - 
mit dem Costüme unserer Zeit, eine milde, echt frauenhafte Erscheinung. 
Auf ihrem Schoße hält sie und mit dem Schleier, der von ihrem Haupte 
herabwallt, umfängt sie schützend zwei Kinder, die sich innig an die 
Mutter anschmiegen; zwischen ihren Knieen steht in Rückenansicht das 
älteste Kind, ein nackter Knabe, der scherzend zu seinen Schwesterchen 
hinauflangt; das Ganze eine in sich abgeschlossene Gruppe von er- 
greifender Wirkung und Lebenswahrheit. Das ist wiedererstandene Antike, 
wird man unwillkürlich sagen, wenn man diesem Monumente gegenüber 
sieht. Und dass man zu diesem Ausdrucke greift, um seine Eigenart zu 
bezeichnen, ist gleich ehrenvoll für das Denkmal wie charakteristisch 
für unsere Zeit. Gerade mit der Antike fühlen wir uns über die trennen- 
den Schranken von Jahrhunderten hinweg gemüthlich verbunden, weil 
sie uns auf ihren Grabstelen ihre Menschen lebenswahr im verklärenden 
Lichte der Kunst hinstellt. Und so erweckt der moderne Künstler unsere 
innigste Theilnahme für seinen Verlust, indem er das, was ihm sein 
Höchstes war, einfach in seinem vollen für sich selbst sprechenden Werthe 
vorführt. Er traf den Ton, der zum Herzen geht, weil er -- es ist das 
eine nicht zu häufige Erscheinung in unserem Kunstleben - mit seinem 
Herzblute schuf. Mustergiltig ist auch das von Josef Lax gefertigte Grah- 
denkmal des Feldcaplans der akademischen Legion, Füster, auf dem 
Centralfriedhofe, indem es das Gedächtniss an diesen Todten in unmittel- 
barer Weise festhält und erneuert. Der ganze Mann gewinnt für uns 
wieder Fleisch und Blut und steigt vor unserem geistigen Auge auf, 
wenn wir ihn mit leiblichen Augen sehen, in einem der denkwürdigsten 
Momente seines Lebens, wie er auf der Kanzel predigend mit feuriger 
Beredsamkeit die Worte hinausruft: Für das Vaterland darf euch kein 
Opfer zu groß sein. 
Das Grabmal der Familie König und das des Paters Füster weisen 
auf den Weg, welchen die Grabsculptur wird einschlagen müssen, wenn 
sie nach einem allgemein giltigen Inhalt für ihre Werke sucht. Sie sind 
mustergiltig, weil sie mit bescheidenen Mittel eine große Wirkung erzielen 
und sind durchaus moderne Erscheinungen, weil sie aus der Indivi- 
dualität der Dargestellten heraus geschaßen sind. Das volle und ganze 
Bild der Menschen zu geben, die Summe ihres Daseins zu ziehen, scheint 
ein Programm, fruchtbarer und ergiebiger als das Festhalten an abgelebten 
Allegorien.
	        

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