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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 1)

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Meister in seinem Fache, dafür spricht schon der wichtige, ehrenvolle 
Auftrag; und er wollte sich auszeichnen, sein Bestes leisten, das sehen 
wir an der reichen Fülle von ornamentalen Motiven, womit er sein Werk 
ausstattete. Das entschiedene Streben, die Natur in weitestem Ausmaße 
in die Decoration hereinzuziehen, ist hier in der allerdeutlichsten Weise 
ausgeprägt. Das Portal schrägt sich nach innen zu ab und besteht aus 
drei rechtwinkeligen Hauptpfosten und verschiedenen Zwischengliedern. 
Alle diese Theile, mit Ausnahme von zwei zierlich gewundenen Trennungs- 
säulchen, sind nun mit Blatt- und Rankenwerk verschiedener Art auf das 
reichste verziert. Wir finden hier sowohl der Natur nachgebildete Büschel 
von Eichenzweigen mit Früchten, Epheuranken und Feigenblätter, als 
auch stilistische Akanthusgewinde, welch' letztere mit allen erdenklichen 
Scenen aus der Thier- und Menschenwelt belebt sind. Da erscheinen ') nicht 
allein tanzende Bären, sich kratzende Affen, bellende Hunde, pickende 
Vögel, Schlangen, die Eidechsen und Fische verspeisen, Eulen, Drachen, 
Möpse, kauernde und lauernde Löwen, Enten, Krebse, Windhunde, Wachteln 
im Neste und sich schnäbelnde Tauben, sondern auch Waldmänner, Hunde 
mit Menschenköpfen, Frauen und Männer im deutschen Costüm, Affen, 
die auf Kameelen reiten, Panther auf Pferden, nackte musicirende Kinder 
u. s. w. Aehnliches wiederholt sich in den Zwischenräumen der schön 
modellirten Feigenblätter, die einen anderen Bestandtheil dieser reich 
geschmückten Portalumrahmung zieren. Auf richtige Proportion ist dabei 
allerdings wenig Rücksicht genommen, die Thiere sind in der Regel außer- 
ordentlich klein, die Kinder dagegen verhältnissmäßig groß und derb 
gebildet. Die harmlose Freude an der Natur spricht sich deutlich aus, 
aber die Kenntniss und das Studium derselben steht, namentlich im figuralen 
Theile, damit nicht auf gleicher Höhe. - Wo gute alte Bauhütten-Tradition 
den Meißel führt, wie in der Wiedergabe der Blätter und Früchte, da 
arbeitet Piero mit sicherer Meisterschaft, wo er dagegen selbst erfindet, da 
zeigen sich die Schranken seiner Kunst. Jedoch wie mangelhaft im Ein- 
zelnen das Werk Giovannis auch sein mochte, als Ganzes war es von reicher, 
harmonischer Gesammtwirkung, im Detail aber durchwegs interessant, 
nichts zwingt uns in dem Werke Piero's an den directen Einfluss der 
Antike zu denken. Akanthusranken, Zahnschnitt, Blattwelle und Astragal 
kamen ja in ltalien während des ganzen Mittelalters nicht außer Uebung, 
alles Andere aber steht mit der Gothik in nachweisbarem Zusammenhange. 
Ein kindliches Vergnügen an dem Vielerlei beherrscht das Ganze, ein 
frischerZug lebenskräftiger SchaEensfreude hebt die Arbeit Piero's bedeutsam 
aus der Menge hervor. Was aber das Wichtigste daran, solch' naturali- 
stischer Schmuck war für Florenz, wo man bei ähnlichen Aufgaben sich 
mit dem Akanthusblatt allein zu begnügen gewohnt war, etwas gänzlich 
Neues und gewinnt daher die Bedeutung einer vorbereitenden Arbeit für 
') Nach der Aufzählung von H. Semper a. a. O.
	        

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