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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 6)

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Altarstufen und in den Schatztruhen fast ausschließlich Kilims dieses 
Musters. In Touste und Umgebung ist die Kilimproduction längst aus. 
gestorben; die daselbst vorgefundenen, eben beschriebenen Muster sind 
es hauptsächlich, die Herr Ladislaus v. Fedorowicz auf seiner erwähnten 
Kilimschule zu Okno herstellen lässt. 
Haben wir es an den bisher besprochenen Classen podolischer Wirk- 
teppiche vornehmlich mit einer autochthonen Entwickelung zu thun ge- 
habt, die einige etwa dazwischen gekommene orientalische EinHüsse im 
Geiste der eigenen hergebrachten Decoration zu verwerthen gewusst hat, 
so erübrigt uns noch ein Gebiet zu erörtern, dessen Teppichproduction 
augenscheinlich seit Langem unter den vollen EinHuss der internationalen 
europäischen Kunst gerathen war. Es verräth sich dies einerseits in der 
Aufnahme der um die Langseiten herumlaufenden Bordüre, die den 
ursprünglichen technischen Grundbegriffen des Wirkteppichs so gar nicht 
entspricht, ferner in der überwiegenden Ausstattung mit Blumenmustern, 
parallel dem Entwickelungsgange, den die Ornamentik in der euro- 
päischen Kunst seit etwa zwei bis drei Jahrhunderten genommen hat. 
Die Reihe beginnt mit baumartig aufsteigenden Pflanzenbildungen und 
völlig streng stilisirten Blüthen. Dem Einfluss: der Barockkunst mag das 
Aufkommen verstreuter stilisirter Blurnensträußchen zuzuschreiben sein; 
die zunehmende Naturalisirung der Folgezeit lässt sich schrittweise ver- 
folgen, bis wir auf perspectivische Rosenbouquets des 19. Jahrhunderts 
stoßen. Dass aber selbst die Repräsentanten der letztgenannten Classe 
nicht allermodernsten Datums sind, sondern mindestens in die erste 
Hälfte unseres Jahrhunderts zurückgehen, erscheint durch unzweifelhaft 
viele Decennien alte Exemplare erwiesen. 
Das geographische Gebiet, in welchem diese in Blumen gemusterten 
Teppiche zum Theil noch heute gearbeitet werden, erstreckt sich östlich 
von Zbaraz in einem breiten Streifen, der nördlich und östlich von der 
russischen Grenze, südlich von der Eisenbahnlinie Tarnopol-Podwoloczyska 
begrenzt ist. Der vorgeschobenste Posten ist das Grenzdorf Toki mit 
altem Schloss; die mündlichen Traditionen weisen ziemlich übereinstim- 
mend auf das große Dorf Medyn als Mittelpunkt dieser Production, und 
der älteste Kilimwirker, den ich in dem ganzen bezüglichen Gebiete an- 
getroifen habe, arbeitet ebendaselbst zugleich mit seinem Sohne. 
Wenn es europäisch-internationale Einflüsse gewesen sind, die das 
Aufkommen der Blumenmuster der zuletzt beschriebenen Teppichclasse 
hervorgerufen haben, so müssen wir annehmen, dass gerade auf dem 
hiedurch ausgezeichneten Gebiete die Bedingungen für solche Einfiüsse 
besonders günstig gewesen sein mochten. Heutzutage freilich macht die 
Gegend nicht den Eindruck, als ob eine Heerstraße der Cultur aus dem 
Westen nach Osten hindurchzöge. Nach Norden und Osten wird sie 
urnklammert von der russischen Grenze, deren chinesisches Absperrung:- 
system fast jeden, insbesondere geistigen und künstlerischen Verkehr aus-
	        

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