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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 11)

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unserem Jahrhundert zum Durchbruch gelangtes? Wenn wir in der 
Stickerei allerdings bis vor Kurzem nur die unmittelbare Führung der 
Nadel mit der Hand gekannt haben, so sind wir doch auf anderen tex- 
tilen Gebieten, vor Allem in der Weberei, weit über dieses primitive 
Stadium des technischen Betriebes hinausgekommen. Dass man einmal 
die Schussfäden unmittelbar mit der Hand zwischen den Kettfäden ein- 
gezogen hat, lässt sich nicht blos a priori denken, sondern ist auch 
empirisch nachzuweisen, da diese primitivste Art der Weberei stellen- 
weise auf der Erde noch heute gepflegt wird. Wie unendlich weit davon 
entfernt ist die Schiffchenweberei mit Schäften und Tritten, wie sie nicht 
erst seit gestern, sondern schon seit vielen Jahrhunderten in Europa 
betrieben wird! Es hat auch Niemand bisher daran gedacht, die Vor- 
theile dieses Betriebes preiszugehen und aus purer Vorliebe für die 
reine Handarbeit etwa zur Handwirkerei zurückzukehren. Dem hat auch 
das Fachschulweseti gebührende Rechnung getragen. Eine der ersten 
gewerblichen Fachschulen in Oesterreich war die Webeschule in Reichen- 
berg. Der Zweck derselben war eingestandenermassen von Anbeginn 
darauf gerichtet, ihren Schülern die gewonnenen technischen Fertigkeiten 
in der möglichst vollkommenen Weise beizubringen; ein Curs für primi- 
tive Handwirkerei dagegen wurde daselbst niemals abgehalten. 
Was also in der Kunstweberei längst mit Erfolg geübt wird, das 
soll nun auch auf dem Gebiete der Stickerei zur Durchführung gelangen. 
Bedeuten Schilfchen, Schäfte und Tritte blos eine Verlängerung und 
Vervielfachung der menschlichen Hand, so gilt dies nicht minder von 
den mechanischen Vorrichtungen der Stickmaschine. Und so wie es auf 
einem und demselben Webstuhle gute und schlechte Weber gibt, so 
gibt es gute und schlechte Sticker auf der gleichen Stickmaschine. 
Erscheint eine Vorlage schlecht zur Ausführung gebracht, so triEt nicht 
die Maschine die Schuld, sondern den Sticker. Die Stickmaschine ist 
eben nicht eine mechanische Vorrichtung im Sinne einer Uhr, die, einmal 
aufgezogen, völlig automatisch in monotonen Schwingungen abläuft. 
Die Stickmaschine ist nur eine mechanisch vervollkommnete 
Nadel, die ebenso wie eine einfache Nadel vom Sticker gut und schlecht 
geführt werden kann. Darin beruht die Berechtigung der Maschinstickerei, 
unter den kunstgewerblichen Techniken eine Stellung zu gewinnen, darin 
beruht auch die Berechtigung einer Maschinstickereischule neben den 
Schulen für Kunstweberei und Handstickerei. 
Der verhältnissmäßig große Spielraum, den die Stickmaschine noch 
immer dem persönlichen Können des Arbeiters offen lässt, mag auch 
hauptsächlich die Ursache sein für die bemerkenswerthe Erscheinung, dass 
die Maschinstickerei sich dem eigentlichen Fabriksbetriebe nur wider- 
willig unterordnet und ihr Gedeihen hauptsächlich in der Betriebsform 
der Hausindustrie findet. Und zwar ist darunter eine Hausindustrie im 
wissenschaftlichen Sinne gemeint, gemäß der Definition, die der beste
	        

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