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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 11)

 
Es ist kein Zweifel, dass Anfangs der Clerus die Bauleute min- 
destens überwachte, wenn nicht gar viele Cleriker selber die ausübenden 
"Künstlern waren. So mochte eine feste Tradition sich bilden, die 
auch noch fortlebte, als schon der Cleriker, zur gothischen Zeit, die 
Kunstlibung frei ließ und sich auf den Baukünstler verlassen konnte, 
dass er es recht machen werde. So darf man sich denn auch nicht 
wundern, wenn feste, sichere Gedanken, ja ganze Gedankenkreise in 
diesen nur eben uns, den Nachgeborenen. schwer verständlichen Dar- 
stellungen zum Ausdruck kommen. Schon die alte christliche Basilica, 
schmucklos im AeuBeren und wenig geschmückt im inneren, war in 
ihrem Versammlungsraume der Ort, wo die Segnungen des Christen- 
thums der Gemeinde zu Theil wurden, der Ort, wohinein die Dämonen 
sich nicht wagten, der Ort, wo nur die i-Reinen- von Gott Erhörung 
hoffen durften, d. h. Diejenigen, welche die Sündenlast, die sie drückte, 
eben mit Hilfe der Sacramente abgeworfen haben, um zu neuem, geistigem 
Leben zu erstehen. Der Raum vor der Kirchenthüre ist der, wo der 
Dämon noch Gewalt hat, der ja selbst in's Paradies sich eingeschlichen 
und die ersten Menschen verführt hat. In der Kirche ist für den Dämon 
kein Platz; sollte ja die mit dem Dämon in Verbindung stehende Natur 
im Dome selber zur Darstellung kommen, so konnte es nur in dienender, 
gedrückter, besiegter Form sein, etwa als Träger irgend eines Bogen- 
ansatzes oder sonst als dienendes, tragendes Glied l"). Aber bis zur Thüre 
mochte wohl der Teufel kommen, ja bis in die Vorhalle der Kirche, 
welche denn auch das Paradies heißt. Stand ja doch in der ältesten 
Basilica hier außen das Becken mit dem reinigenden Wasser, wo die 
Sünden abzuwaschen sind in der Taufe. Hier also im Paradiese kommt 
der Teufel noch zur Darstellung, mindestens in dem Bilde des Sünden- 
falles. Und wo diese Vorhalle nicht ist, cla sind am Portale selber 
die Mahnungen deutlich genug, die Sünden hier abzulegen, wenigstens 
durch Abkehr der Gedanken vom Bösen und durch eine aufrichtige Reue, 
um reinen Herzens vor Gott treten und wieder ein Glied der Gemein- 
schaft der Heiligen werden zu können. Zu dieser Mahnung bediente 
sich die Kunst eines Bilderkreises, der aus verschiedenen Elementen sich 
zusammensetzte, nur dass der Ausgangspunkt der gleiche blieb, nämlich 
der Orient; konnten zu den aus der heil. Schrift, besonders der griechi- 
schen (und lateinischen) Uebersetzung von Jesaias, XIII, 21, 22") und 
m) Dass man wirklich dabei an die Last dachte, welche das in solcher Weise ver- 
zierte Bauglied zu tragen hatte, sehen wir aus der Inschrift an einem solchen Steine im 
Dome zu Piacenzn. Die trlgende Gestalt, ein Mensch, der das Mitleid erregen will, sagt: 
O quam gtave fero pondus, succurre! 
") Jesaia XIII, Vers 21. Urtext: Es lagern dort Wüstenthiere F!) und füllen 
ihre Häuser; es wohnen dort Marder b), Strauße C) und Satyrn d) tanzen dort. 
Vers u. Eulen e) singen in seinen Hnchbauten und Schakale f) in den Palästen 
der Lust.
	        

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